Leute, das war Obergail!

Wie ich einmal eingeladen wurde, Raumplanungs-Studierenden das journalistische Handwerk näher zu bringen, und dabei erkannte, was Journalismus eigentlich ist.

„Die Uni hat mir das Schreiben verdorben“, sagte jemand, als wir uns im Oktober 2018 das erste Mal in einem kleinen Saal der TU Wien trafen. „Ich habe nie gern geschrieben“, meinte jemand anders, „und ich“, warf jemand ein, „ich kann gar nicht schreiben!“.

„Könnt ihr das bitte draußen besprechen? Hier wollen Leute schreiben“, sagt dann jemand, der genervt nach seinen Kopfhörern greift. Es ist 03:04 Uhr, draußen liegt Schnee, langsam zieht Nebel auf und die Nacht hüllt das Lesachtal, das wir von unserer Redaktion aus überblicken, in Dunkelheit. Noch gut 10 Leute hocken im großen Konferenzraum, in dem die produktive Unordnung eingezogen ist: Auf den Tischen stehen offenen Biere, aufgerissene Mannerschnitten, Pfefferminz-Bonbons, leere Kaffeetassen und volle Notizbücher. Es ist so viel passiert.

Ich habe in den vergangenen Tagen mehrmals vergessen, dass ich mit Leuten arbeite, die keine journalistische Ausbildung haben. Während sie bei der ersten von fünf theoretischen Einheiten auf der Uni nicht wussten, was „Redigieren“ bedeutet (das inhaltliche Feedback zu einem Text), recherchieren sie heute, rufen Bürgermeister und Tourismusobmänner an, stellen gute und richtige Fragen, entdecken Widersprüche in Aussagen, schicken Presseanfragen an Unternehmen und Künstler*innen, drehen noch einmal um, weil sie einen journalistischen Riecher entwickelt haben, porträtieren Senior*innen und berichten von ihren Ausflügen ins (nächtliche) Landleben. Und betrunken sagen sie dann so wunderschön reflektierte Sätze wie: „Aber wir müssen das doch machen. Die Leute von vor Ort werden das nie aufgreifen, obwohl es für sie wichtig ist.“

„Nach acht Jahren im Journalismus ist es für mich eine Wohltat, wieder mit so viel Idealismus konfrontiert zu werden.“

Ich habe während der Exkursion – wir verbringen eine Woche in einer bäuerlichen Streusiedlung mit 65 Einwohner*innen im Lesachtal, Kärnten – unabsichtlich viel über Journalismus nachgedacht. Das Handwerk ist nämlich gar nicht so schwer. Die journalistische Methodik ist – verglichen mit wissenschaftlichen Methoden – sehr einfach zu vermitteln. Klar, manche mögen besser recherchieren können, kreativere Zugänge und Themen finden, die anderen verschlossen bleiben. Aber am Anfang steht das ehrliche Interesse, etwas Neues über diese Welt zu erfahren und danach das Recherchierte so zu erzählen, dass auch andere, die Leser*innen, klüger werden können.

Und was diesen Punkt betrifft, bin ich unendlich beeindruckt von der „Mehr als Obergail“-Redaktion. Sie klopfen einfach einmal an jede Haustür, die in Obergail übrigens fast alle unabgeschlossen sind, tratschen im Bus mit Fahrer und Mitfahrer*innen, besuchen eine feuchtfröhliche Sitzung des lokalen Tourismusverbands (und kommen erst spät in der Nacht mit hart gewonnen Informationen zurück), begleiten einen Briefträger und versumpfen bei billigem Bier an der Tankstelle, um von den Leuten dort zu erfahren, was das an sich sperrige Thema Mobilität für deren Alltag bedeutet.

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Fotos: Antonia Schneider | mehralsobergail.at

Und nachdem die Redakteur*innen wie Bienen ausgeflogen sind, schreiben und diskutieren sie. Die Überlegungen, die dabei entstehen, sind von blanker Schönheit. Welche Verantwortung habe ich als jemand, der Informationen und Zuschreibungen öffentlich macht? Wie wiege ich Persönlichkeitsrechte gegen das öffentliche Interesse, den Text zu publizieren, ab? Unter welchen Umständen darf ich Informationen gewinnen? Wen muss ich wie zu Wort kommen lassen? Und was ist eigentlich meine Aufgabe? Was richte ich mit meinem Text an?

Nach acht Jahren im Journalismus ist es für mich eine Wohltat, wieder mit so viel Idealismus konfrontiert zu werden. „Wenn die wüssten, wie unromantisch die mediale Praxis in Wirklichkeit oft aussieht“, denke ich mir, wenn ich so mancher ethischer Überlegung lausche. Ihnen ist die mediale Welt noch immer fremd. Sie kennen das Rennen um Klicks nicht, wissen nicht, warum Medienunternehmen so geil darauf sind, als Erster eine Information zu publizieren, warum Journalist*innen so geil darauf sind, zitiert zu werden. Und dieses Unwissen ist verdammt noch einmal schön.

„Journalismus ist Dienst an und Aufgabe der Gesellschaft.“

„Fast alle eure Texte hätten in vielen österreichischen Medien erscheinen können. Aber das soll ja nicht unser Anspruch sein“, hat mein Journalismuslehrer damals gesagt, als wir unsere ersten Texte einreichten. Und ich möchte dieser Redaktion das Gleiche mit auf den Weg geben. Journalismus, der in einem kleinen, verzerrten Markt extremen wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist, darf für junge Erwachsene mit Anspruch nicht das Vorbild sein. Journalismus kann mehr. Journalismus ist Dienst an und Aufgabe der Gesellschaft.

Das erinnert mich an die Diskussion, die ich bei meinem ehemaligen Arbeitgeber, VICE, öfter führen musste. „Das ist doch kein Journalismus“, sagten die alten Granden der Branche. Junge Leute, die unter anderem aus ihrer eigenen Lebensrealität berichten, würden nicht der hohen Zunft, in der alle davon träumen, einmal einen Leitartikel zu schreiben, angehören. Sich in die Untiefen des eigenen Umfelds niederzulassen, sei für diese edle Zunft unwürdig.

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Gut, man könnte einfach auf solche Menschen und die enge Definition des Journalismus-Begriffs scheißen (wie das mein ehemaliger Chef macht). Oder aber man entreißt diesen Begriff den medialen Eliten. „Journalist*in“ ist eine der wenigen Berufsbezeichnungen, die keiner Gewerbeberechtigung unterliegen. JedeR darf sich so nennen. Das soll sicherstellen, dass diese gesellschaftlich wichtige Aufgabe, auch wirklich von der Gesellschaft (und nicht von ein paar Privilegierten oder vom Staat selbst) erfüllt wird. Und, liebe „Obergail“-Redaktion, ich weiß ja nicht, was ihr beruflich in eurem Leben vorhabt, aber lasst mich klar sein: In diesen Tagen ward ihr Journalist*innen, und zwar verdammt gute.

 

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