Wer glaubt denn nicht an die Zukunft?

1993 filmt der ORF im Lesachtal. Die Reportage trägt den Titel „Wer glaubt noch an die Zukunft?“ und deutet damit eine fehlende Perspektive für das Lesachtal an. Ich sage, 25 Jahre später gibt es weiterhin Hoffnung.

„Es geht immer weiter“. Diese Aussage begleitet mich seit meinem ersten Tag im Lesachtal. Im Gespräch mit Menschen aus der Gegend ist ein vorsichtiger Optimismus spürbar. Seit der ORF-Reportage über das Lesachtal aus dem Jahr 1993 unter dem Titel „Wer glaubt noch an die Zukunft?“ sind 25 Jahre vergangen. Ein Vierteljahrhundert. Was hat sich seitdem getan? Was hat sich verändert, was ist gleichgeblieben? Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme und einen Vergleich mit damals.

Die Situation im Lesachtal wirkt auf den ersten Blick gleich. Und doch ist sie anders. Die Probleme und Herausforderungen sind geblieben. Die Region ist eine Abwanderungsregion und sie ist überaltert. Die Ortschaften Pallas und Assing waren bereits 1993 charakteristische Beispiele hierfür und sind es noch heute. Sie bilden eine lose Ansammlung von Gehöften auf der Sonnenseite des Lesachtals. 18 Menschen leben hier aktuell laut Bevölkerungsstatistik. Es ist ein Leben auf über 1.200 Metern Seehöhe.

Ein Leben unter ganz besonderen und gleichzeitig selbstverständlichen Bedingungen. Mich beeindrucken vor allem das imposante Bergpanorama und die idyllische Hofarchitektur. Man könnte sich darin gedanklich verlieren, doch in Schönheit sterben kann und will hier niemand. Bei einer Fahrt bis ans obere Ende der schmalen Zufahrtsstraße hat mir die Begegnung mit Bewohner*innen einen Blick in ihr heutiges Leben und einen Vergleich mit der Vergangenheit ermöglicht.

Auf ihre Heimat und ihren Besitz scheinen sie stolz zu sein.

Hannes und Herta schneiden und schlichten gerade Brennholz für den Winter, als ich sie vor ihrem Hof in Assing antreffe. Die Lesachtaler*innen sind für mich ein fleißiges Völkchen. „Gehst du wandern?“, werde ich mit leicht skeptischem Unterton gefragt. Hier hinauf verirrt sich niemand einfach so zufällig. Hannes erzählt mir, dass er an diesem Ort aufgewachsen ist und den Hof seiner Familie nach der Verunglückung seines Vaters bereits in jungen Jahren übernommen hat. Das war vor gut 40 Jahren. „Unser Hof ist der höchstgelegene im Lesachtal.“

Ich befinde mich mittlerweile auf 1.400 Metern Seehöhe. Hannes und Herta wirken für mich auf den ersten Blick in sich gekehrter als so manch andere Lesachtaler*innen, die mir bisher begegnet sind. Man könnte aber auch einfach von Bodenständigkeit und Gelassenheit sprechen. Auf ihre Heimat und ihren Besitz scheinen sie stolz zu sein. „Was glaubst du, wie alt der Hof ist?“, fragt mich Hannes. Er führt mich schließlich zu einem alten Holztrambalken mit der Jahreszahl 1786. Es wird nicht das letzte Detail sein, das mich im Lesachtal fasziniert.

Bei einem Außenstehenden, einem Nicht-Lesachtaler wie mir, hinterlässt dieses Schicksal einen prägenden Eindruck.

Die beiden Ortschaften Pallas und Assing und ihre Bewohner*innen stehen sinnbildlich für die traditionelle Bedeutung des Bergbauerntums im Lesachtal. Vor 25 Jahren war das Bergbauernleben allerdings noch allgegenwärtiger als heute. Die damals 73-Jährige Josefine etwa war ob der fehlenden Nachfolge auf ihrem Hof besorgt. Zur Seite bei der täglichen Bewirtschaftung stand ihr nur mehr ihr älterer Bruder. „Sie hat dort unten gewohnt“ antwortet mir Hannes auf meine Frage nach Josefine. Ihr Hof steht heute leer, ein Gebäudeteil ist gar eingestürzt. Bei einem Außenstehenden, einem Nicht-Lesachtaler wie mir, hinterlässt dieses Schicksal einen prägenden Eindruck.

Für die Bergbewohner*innen in Pallas und Assing geht der Alltag trotzdem weiter. So wie das Gelände, die Naturgewalten und die damit verbundenen Herausforderungen als selbstverständlich angesehen werden, werden Abwanderung und Tod im Tal als vermeintlicher Lauf der Dinge akzeptiert. Aber es geht immer weiter. Auch auf dem Hof von Hannes und Herta.  Außer einer Handvoll Hühner gibt es dort mittlerweile kein Vieh mehr. Sie führen ein beschauliches Leben und scheinen mit dem zufrieden, was sie haben. Warum auch nicht, schließlich wohnen sie auf der Sonnenseite.

„Heute erleichtert die Technik vieles.“

Mario ist auch jemand, der die Lebensbedingungen im Lesachtal und die Erfordernisse des Bergbauerndaseins gut kennt. Der Hof seiner Familie liegt zwar nicht so exponiert wie andere in der Umgebung, sondern unten im Ort Maria Luggau. Dennoch bewirtschaftet auch er mehrere Wiesen und Wälder in höheren Lagen. „In meiner Kindheit und Jugend haben wir das Heu noch händisch ins Tal gebracht. Heute erleichtert die Technik vieles“, erzählt mir Mario. Muli und Motorsense sind heute die besten Freunde des modernen Landwirtes im Lesachtal.

Mario kann sich noch gut an die 1993 gedrehte Reportage erinnern. Er kam darin als junger 21-Jähriger Mann vor, der beim händischen Heu Einfahren am Berg gezeigt wurde. Es gehört für ihn fast schon zur Routine, interessierten Besucher*innen und Journalist*innen über seine Heimat und sein Leben zu berichten und sie herumzuführen. „Zu uns kommen pro Jahr oft zwei bis drei Kamerateams“, meint er gelassen. Seine Familie scheint aufgrund ihrer unterschiedlichen Standbeine und ihres Wissens über die Handwerke und Traditionen der Region viel für das Fernsehen herzugeben. Zum Erwerb aus der Landwirtschaft kommt die Vermietung von Ferienwohnungen hinzu – wie so oft im Lesachtal. Zudem ist Mario begeisterter Bergführer. Zu seinen jährlichen Highlights gehört die einmonatige Arbeit beim Heliskiing im russischen Kamtschatka. Beiläufig erwähnt Mario eine Ausbildung der Religionspädagogik aus früheren Jahren. Mario erfüllt gewisse Erwartungen über das ländliche Leben im Lesachtal und überrascht zugleich.

Im Lesachtal spricht die Frage des Bleibens oder Gehens definitiv auch heute eine zentrale Rolle. Von Mario erfahre ich, dass jene junge Frau, die in der Reportage von 1993 unsicher war, ob sie nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester im Lesachtal bleiben kann, heute in Salzburg lebt. Meist sind es die Männer, die es leichter haben, im Tal zu bleiben. Viele von ihnen übernehmen die Höfe von ihren Eltern und führen damit ein bekanntes und über Generationen erprobtes Lebenskonzept weiter.

„Wir können nur überleben, wenn die Jugend im Tal bleibt.“

Felician ist mit seinen 28 Jahren dabei, eben jenen Weg zu gehen. Ich habe ihn eines Abends bei ihm zu Hause besucht und mit ihm über sein Leben in Obergail und seine Zukunftspläne gesprochen. Im nächsten Jahr wird er den Hof der Familie übernehmen. Man kann ihn auch jetzt schon voller Tatenkraft bei der alltäglichen Arbeit beobachten. Vater Hans wurde 1993 als Regionalbetreuer in der Reportrage befragt, seit 2015 ist er Bürgermeister der Gemeinde Lesachtal. „Wir können nur überleben, wenn die Jugend im Tal bleibt“, gibt Hans zu verstehen. Er versuche deshalb einiges, um den jungen Menschen Anreize zu bieten und dadurch für eine positivere Stimmung zu sorgen. „Wenn alle jammern, dass man nicht im Tal bleiben kann und abwandern muss – weil es keine Arbeitsplätze und Möglichkeiten gibt oder weil die Politik nichts tut – dann führt das zu einer negativen Spirale.“

Die Zukunft des Lesachtals könnte verstärkt in lokalem Engagement und individuellen Initiativen mutiger Bewohner*innen liegen. Hans‘ Tochter Helene und ihr Freund Pepi sind solche Charaktere, die dem Tal meiner Meinung nach zusätzlichen Schwung geben könnten. Sie stammt aus Obergail, er aus Oberösterreich. Beide studierten auswärts und fanden durch ihre Beziehung schließlich bewusst den Weg zurück ins Lesachtal. Heute verfolgen sie ein ähnliches Erwerbsmodell wie viele andere vor Ort – sie vermieten Zimmer. Bei einem persönlichen Gespräch stellen sich Helene und Pepi jedoch darüber hinaus für mich als besonders aufgeschlossene und innovativ denkende Menschen dar. „Einfach mal probieren“, meint Helene am Ende zu mir.

Die Lesachtaler*innen erscheinen insgesamt wie Menschen, die oftmals flexibel handeln müssen. Gerade der Umgang mit den Nachwirkungen des Unwetters im November 2018 zeigt dies bildhaft auf. Diese Tugend könnte in Zukunft noch viel stärker genutzt und neu interpretiert werden. Neue Ideen sind gefragt. Es geht dabei jedoch nicht um radikale Umbrüche oder die Frage, welches Lebensmodell „besser“ ist. Alte Traditionen können auch weiterhin ein wichtiger Anknüpfungspunkt sein. Meiner Meinung nach muss gemeinsam gedacht und gehandelt werden. Es geht immer weiter.

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