Wenn’s wirklich wichtig ist, dann lieber mit Friedl

Friedl ist Briefträger am Land und das heißt: Er liefert Briefe an den Stammtisch des Wirtshauses aus, hat keine Angst vor Hunden, aber vor Hähnen und weiß bei einigen Häusern, wo der Schlüssel versteckt liegt. Mein Tag als Lehrling beim routinierten Briefträger aus Klebas.

 

Das Treffen:

Schon am Mittwoch hatte ich den ersten Kontakt mit Friedrich, der von jedem Friedl genannt wird. Wir warten darauf, dass die Umfahrungsstraße nach Maria Luggau wieder befahrbar ist, als uns ein gelber VW Caddy entgegengefahren kommt. Typisches Postauto eben. Sofort winke ich dem Fahrer zu und hoffe, dass er stehen bleibt, damit wir uns kurz unterhalten können. Ich erzähle ihm, dass ich im Rahmen eines Uni-Projekts einen Briefträger einen Tag lang begleiten möchte. Dagegen hätte er auf jeden Fall nichts, aber es liegt nicht in seiner Hand, das zu entscheiden, erklärt er mir. Einen Tag und gefühlte 30 Telefongespräche mit verschiedenen Postgeschäftsstellen und der Presseabteilung in Wien später, ist es dann soweit. Donnerstags treffe ich mich mit Friedl bei der SPAR-Filiale in Maria Luggau. Es ist 11:05 und Friedl sitzt bereits 5 Stunden im Auto.

 Sein Alltag:

Bereits vor 6 Uhr verlässt Friedl sein Haus in Klebas, um nach Hermagor zu fahren. Nachdem er hier die Post abgeholt und sortiert hat, fährt er in Richtung Lesachtal, um die ersten Häuser abzuklappern. Schon nach kurzer Zeit ist deutlich zu erkennen, dass er einen klaren Plan im Kopf hat, wie die Häuser am effizientesten zu beliefern sind. Zuerst kommt Hausnummer 5, dann 43 gefolgt von 7. Straßennamen gibt es hier nicht, nur Hausnummern und Namen. Keine Umwege, kein Zeitverlust durch unnötiges  Wenden und eine bemerkenswerte Struktur im Arbeitsverlauf. So schnell und doch kontrolliert, wie das kleine Nutzfahrzeug durch die Kurven gelenkt wird, kann ich nur von Glück reden, dass meine Reisekrankheit heute kein Problem darstellt. Jede Hauszufahrt wird vorwärts angefahren und rückwärts verlassen. Egal wie eng oder steil, beide Fahrtrichtungen beherrscht er blind und in gleicher Geschwindigkeit. Rückwärtsfahren war noch nie schneller in meinem Leben.  Unterschiede zum städtischen Alltag eines Postboten gibt es sicherlich. Der eindeutigste: Im Dorf landet nur die Hälfte der Post im Briefkasten.

„Einige Häuser im Lesachtal haben keinen Briefkasten. Warum auch? Das Vertrauen zum Postboten ist so groß, dass die Haustüren alle offen sind. Ohne Briefkasten an der Hauswand wird die Post einfach in den Eingangsflur gelegt.“

Das Besondere:

Einige Häuser im Lesachtal haben keinen Briefkasten. Warum auch? Das Vertrauen zum Postboten ist so groß, dass die Haustüren alle offen sind. Ohne Briefkasten an der Hauswand wird die Post einfach in den Eingangsflur gelegt. Auf meine Frage, was er macht, wenn die Tür verschlossen ist, antwortet er grinsend: “Kein Problem, ich weiß eh wo der Haustürschlüssel liegt, ne”. Die Bank vor der Haustür oder der Teppich dienen Friedl auch als alternative Ablagestation. Auf dem Weg zum letzten Haus in Sankt Lorenzen ist die Straße durch abgesägte Bäume versperrt. Friedl lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, denn er kennt das Straßennetz wie seine linke Westentasche. Er versucht es über die andere Seite. Hier versperrt ein Auto den Weg. Kein Problem. Der gelbe Caddy wird geschickt in das Feld gelenkt. Matsch und Schlamm sind keine Hindernisse für die Postboten hier im Lesachtal. Das letzte Hindernis: ein sehr steiler, mit Schnee und Pampe versehener Hang. Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen wird die Anhebung angesteuert. Der hintere Teil des Autos schwingt nach rechts und nach links aus. Die Reifen drehen durch. Die Anlaufgeschwindigkeit reicht dann doch aus, um uns über den Berg zu bringen. Auch das letzte Haus bekommt seine Post.

“Ich weiß eh wo der Bauer später im Wirtshaus sitzen wird. Ich bringe ihm den Brief später vorbei”.

Als später ein anderes Fahrzeug die Anreise zum letzten Bauernhof verhindert, sagt Friedl lässig: “Ich weiß eh wo der Bauer später im Wirtshaus sitzen wird. Ich bringe ihm den Brief später vorbei”. Nachdem wir schon auf dem Heimweg sind, treffen wir den Bauern auf seinem Trecker. Es wird kurz getratscht und der Herr steckt sich seinen Brief ein. Typischer Alltag im Lesachtal.

Was hat sich verändert:

Als Friedl vor 30 Jahren angefangen hat, gab es in jedem Dorf einen eigenen Briefträger. Die Anzahl der Häuser war übersichtlich. So blieb genug Zeit, um hier auf einen Kaffee und dort auf ein Stück Kuchen eingeladen zu werden. Heute kann er sich diese Zeit aufgrund der höheren Anzahl an Häusern nicht mehr nehmen. Durch diesen Zeitdruck hat er keine Zeit mehr um zweimal zu klingeln. Auch um seinen landwirtschaftlichen Betrieb konnte er sich neben der Arbeit noch kümmern. Diesen hat er wegen Zeitmangel verpachtet. Friedl erzählt mir, dass es in den 80er-Jahren noch üblich war, junge Küken mit der Post zu verschicken. Heute ist das undenkbar. Mit den neuen Regelungen der EU ist das heute nicht mehr genehmigt, meint Friedl. Auch der persönliche Kontakt zu der Bevölkerung ist nicht mehr der gleiche seitdem das gesamte Lesachtal nur noch von zwei Briefträgern beliefert wird. Die Freundlichkeit ist jedoch geblieben. Jeder Lesachtaler und jede Lesachtalerin dem/der wir begegnen lächelt uns zu und begrüßt uns freundlich. Mehrmals wird Friedl auf seinen “neuen Lehrling” angesprochen. Wir beide grinsen und fragen, wie es ihnen geht. Dann fahren wir weiter. An einem Tag legt er ungefähr 200 Kilometer zurück. Zu Fuß, wie zu seinen Anfangszeiten, unvorstellbar.

Sein verfeindetes Tier ist: der Hahn.

Auch das Klischee vom Briefträger, der vom Hund gebissen wird, trifft nicht auf Friedl zu. Sein verfeindetes Tier ist: der Hahn. Als wir beim Friseur stehen, geht Friedl an einem riesigen klaffenden Schäferhund vorbei, um die Post zum Haus zu bringen. Als ich ihn frage, ob er schon einmal gebissen wurde, erklärt er mir, dass er beim Job keine Angst vor Hunden habe, eher von Hähnen. Vor einigen Jahren hat sich nämlich ein Hahn öfters von hinten hinterhältig an ihn herangeschlichen und ihn attackiert.

Der Schluss:

Ich erzähle Friedl von der hepi Lodge, in der wir übernachten. “Obergail 10”, bemerkt  er sofort. Das ist tatsächlich die Adresse unserer Unterkunft und sie liegt nicht einmal in seinem Liefergebiet. Der Tag mit Friedl hat mir gezeigt, dass der Alltag des Dorf-Postboten mittlerweile genauso, wenn nicht sogar stressiger ist als der des Briefträgers in der Großstadt. Jedoch gibt es meiner Meinung nach viele Unterschiede: Friedl fährt täglich an wunderschönen Landschaftsbildern/Landschaften vorbei. Wo immer er Leute antrifft, wird er begrüßt, das Vertrauen, das ihm gegenüber erbracht wird, kann ich in der Stadt nicht wiederfinden – und natürlich auch nicht den Hahn. Außerdem hat er im Dorf die Rolle des Überbringers von Informationen von der ganzen Welt bis hin zum Nachbarn. Ich bin dankbar, diese Erfahrung mit Friedl gemacht zu haben. Dieser Tag hat mir erlaubt, einen Einblick in das Alltagsleben von Lesachtal zu bekommen, nämlich durch das Fenster des gelben Postautos.

 

Schreibe Philippe eine Mail.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s