Warum im Kärntner Lesachtal Tirolerisch gesprochen wird.

Von den Eigenheiten der Lesachtaler Mundart und wie sie die Identität und den Zusammenhalt der Menschen beeinflusst. Eine Spurensuche.

 

Der historische Eggelerhof von Familie Windbichler ist kaum zu übersehen. Er thront auf einer Anhöhe inmitten der kleinen Ortschaft Obergail. In der mit hellem Holz vertäfelten Küche wartet die liebevoll angerichtete Morende, die Jause, schon darauf gegessen zu werden. Die Eckbank ist gerade groß genug für die fünfköpfige Familie. Felician Windbichler, der 28-jährige Sohn, kommt zur Tür herein. Auf die Frage nach typischen Lesachtaler Wörtern reagiert er zuerst ratlos. Stattdessen erzählt Felician mir, dass sein außergewöhnlicher Name aus Nordtirol kommt. Der Heilige Felician ist Kirchenpatron in Fieberbrunn, dort kommen seine Vorfahren ursprünglich her. Sofort fällt auf, dass der geborene Lesachtaler keinen kärntnerischen Dialekt spricht. Sind die Nordtiroler Wurzeln im Stammbaum der Grund dafür?

 

Herkunft der Lesachtaler Mundart

Heinz Dieter Pohl, ein Wiener Sprachwissenschaftler, hat sich auf Grund seines Schwerpunktes der slawischen Philologie (Wissenschaft von den slawischen Sprachen) intensiv mit der slawisch beeinflussten Kärntner Mundart beschäftigt. Ihm zufolge gehört das Lesachtal zwar geografisch zu Oberkärnten, die Mundart sei aber kein echter Kärntner Dialekt. Sie sei eher zu Tirol gehörig.

Diese Tatsache lässt sich über die Siedlungsgeschichte des Lesachtals begründen. Das Tal wurde Mitte des achten Jahrhunderts vom Südtiroler Pustertal her besiedelt. Die Pustertaler brachten nicht nur ihre Baukultur mit, sondern auch ihre Sprache. Der slawische Name Lesachtal ist trotz der vollständigen Germanisierung im 14. Jahrhundert erhalten. Er bedeutet so viel wie bei den Waldleuten.

 

Dialekt schafft Identität

Felician und sein Vater Hans Windbichler können sich stärker mit der potschasnen Lebensweise, der gemächlichen Kärntner Mentalität, identifizieren, als mit der „zackigen Tiroler Art“. Das fremd klingende Wort ist eines der letzten Relikte, das noch von den slawischen Siedlern übriggeblieben ist. Trotz der sprachlichen Diskrepanz zu ihrem Bundesland, sehen sich viele Lesachtaler eindeutig als Kärntner.

 

„Durch die Gäste hat man sich angepasst, weil die einen nicht verstanden haben. Und in der Stadt, in München draußen oder in Villach habe ich mit den Wörtern auch nichts anfangen können. Weil das verstehen sie nicht und dann verwendet man die Wörter auch nicht.“

 

Auch der starke gesellschaftliche Zusammenhalt innerhalb des Lesachtals, der nach dem verheerenden Unwetter vor wenigen Wochen besonders wichtig war, lässt sich laut der Sprachwissenschaftlerin Mag. Dr. Regina M. Unterguggenberger, die selbst in der Gemeinde Lesachtal aufgewachsen ist, zum Teil auf die gemeinsame Sprache zurückführen. Im Dialekt lassen sich feine Nuancen leichter ausdrücken, als in der deutschen Hochsprache. Das stärkt das gemeinsame Verständnis und somit auch die Identität.

Die sprachliche Gemeinsamkeit verbindet mit dem angrenzenden Tirol. Sebastian Lanner, ein Mitbegründer der traditionsbewussten Lesachtaler Musikgruppe Olmfätt, meint, dass sie in den letzten Jahren sogar gewachsen sei. Immer mehr Lesachtaler*innen pendeln zum Arbeiten ins wirtschaftlich stärkere Osttirol oder gehen in Lienz zur Schule, seit der letzte große Arbeitgeber in Kötschach-Mauthen vor zwei Jahren seine Tore geschlossen hat.

 

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Dort, in der Gemeinde am Rande des Lesachtals, hat die geografische Nähe zu Osttirol fast keine Spuren hinterlassen – es wird Kärntnerisch gesprochen. Unterguggenberger erklärt, dass die Sprachgrenze in Mattling liegt. Westlich davon, in Richtung Maria Luggau, wird ein Tiroler Akzent gesprochen. Östlich von Mattling werden die Vokale länger gezogen, was typisch für das Kärntnerische ist.

Die einzige Gemeinsamkeit, die die Lesachtaler mit der Kärntner Mundart hat, ist die Aussprache des mittelhochdeutschen ei. Dort wird dieser Doppellaut wie ein langgezogenes a ausgesprochen. In Tirol hingegen spricht man ei wie oa aus. Als Beispiel dafür nennt Unterguggenberger das Wort heim: in Tirol geht man hoam, in Kärnten (und im Lesachtal) haam.

Dialektwörter Tabelle

 

Bedrohte Mundart

Auch die Sprachforscherin kennt Felician Windbichler, der inmitten der Lesachtaler-Sprachinsel aufgewachsen ist. „Viele junge Leute wollen durch das Verwenden von Anglizismen hip sein.“, meint sie. Die Familie Windbichler sei eine der „vielen Familien, in denen bewusst mit Dialekt und Bodenständigkeit umgegangen wird.“ Das hat Felician offensichtlich geprägt. Er hat sichtlich Freude daran die ursprüngliche Mundart zu pflegen. Jung-Sein und Mundart reden ist also kein Widerspruch. Auch sein Vater Hans bestätigt, dass Felician der Dialekt-Spezialist des Hauses sei. Während seiner vielen Behördengänge als Bürgermeister, sei seine Mundart schon ein wenig mit dem Kärntnerischen und der deutschen Hochsprache verschwommen.

Diese Erfahrung teilen auch andere Obergailer, die längere Zeit außerhalb ihrer Heimat verbracht haben. „Durch die Gäste hat man sich angepasst, weil die einen nicht verstanden haben. Und in der Stadt, in München draußen oder in Villach habe ich mit den Wörtern auch nichts anfangen können. Weil das verstehen sie nicht und dann verwendet man die Wörter auch nicht.“, meint Herr Unterluggauer vom Rohrer Hof. Ist der Tourismus das der Anfang vom Ende für die einzigartige Lesachtaler Mundart?

Die Hüterin eines Wortschatzes Regina Unterguggenberger sieht die Lesachtaler Mundart nicht als vom Aussterben bedroht an. Sprachen sind einem ständigen Wandel unterzogen. Die Digitalisierung und die Globalisierung haben zwar einen beschleunigenden Effekt auf die Entwicklung, vor 200 Jahren haben sich Sprachen aber genauso verändert. „Natürlich geht ein Teil des Dialektes verloren, aber auch nicht schneller als woanders“, meint sie in einem Telefongespräch.

 

 

Zurück zum Eggelerhof, dem Ursprung der Spurensuche. Nach ein wenig Bedenkzeit sprudeln die einzigartigen Lesachtaler Dialektwörter nahezu aus den Windbichlern – Vortl, geleime, Solder, Tscherfl, mutzat, klipfrig. Es scheint, als wäre der ursprüngliche Wortschatz noch sehr reichhaltig vorhanden und das sogar generationenübergreifend.

Dialekte sind nicht zwingend an administrative Grenzen gebunden. Sie entstehen über Jahrhunderte hinweg und werden von denjenigen weitergetragen und -entwickelt, die sich mit ihnen identifizieren und im alltäglichen Leben verwenden. Dialekt schafft Zusammenhalt.

 

 

Möchten Sie wissen was Wörter wie Tscherfl oder klipfrig bedeuten? Testen Sie Ihr Wissen über die Lesachtaler Mundart in diesem Quiz.

 

Folge Silva auf Facebook oder schreibe eine Mail.

Werbeanzeigen

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s