Springen wollen

Ein kurzer Gedanke übers Geschichtenerzählen.

Wer auf der Bundesstraße 111 aus westlicher Richtung nach Obergail will, überquert kurz vor Sankt Lorenzen die Radegundbrücke, die sich hoch und weit über das tiefste Seitental des Lesachtals, den Radegundgraben, spannt. Zwei Fahrspuren und ein Fußweg führen von der einen Seite zur anderen. Im November 2018 ging ich den Fußweg ab, was mich zum Thema dieses Textes bringt.

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Fast jedes Mal, wenn ich mich auf einer Brücke (oder auf einem Balkon) befinde, überfällt mich der Gedanke, in die Tiefe springen zu wollen, ganz gleich, wie ich mich eigentlich fühle. Ich hasse diesen Gedanken. Und ich fürchte mich in diesen Momenten vor mir selbst. Ich habe Angst davor, meine Hände auf Geländer zu legen und hinunterzuschauen. Was, wenn ein Ruck durch meinen Körper geht, der allem ein Ende setzt?

Ich möchte nicht sterben, erst recht nicht auf eine Weise, die durch die Zerschmetterung meines Körpers herbeigeführt wird – und doch ist da dieser Drang, für den es auch Namen gibt, Ruf der Leere im Deutschen, Call of the Void im Englischen und L‘ appel du vide im Französischen. Wie erklärt sich also dieser Gedanke?

Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2012 legt nahe, dass mein Gehirn mir einen Streich spielt. Kurz gesagt, erfindet es eine mehr oder weniger reelle Gefahr, nämlich die Absicht sich über ein Geländer zu stürzen, um zwei widersprüchliche Wahrnehmungen – die Angst vor dem Abgrund bei gleichzeitigem sicheren Stand – zu einer konsistenten Geschichte zu verdichten.

Tatsächlich funktioniert unser Gehirn genauso. Es bastelt sich aus unseren Empfindungen, Absichten, Wünschen, Gedanken, und so weiter und so fort, passende Geschichten.

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Wenn es dir nicht gut geht, nimm Hilfe in Anspruch. Schicke diese Links einem Freund oder einer Freundin, wenn du glaubst, ihm oder ihr könnte das in der Situation als Betroffener oder Angehöriger helfen.

Kriseninterventionszentrum, finanziert durch öffentliche Stellen und Spenden: Montag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr unter 01/406 95 95, sowie Beratung – persönlich oder via Mail – und psychotherapeutische Intervention unter www.kriseninterventionszentrum.at.

Telefonseelsorge der katholischen und evangelischen Kirchen in Österreich: Rund um die Uhr, gebührenfrei und vertraulich unter der Nummer 142 sowie www.telefonseelsorge.at.

Suizid-Prävention des österreichischen Gesundheitsministeriums: Erste-Hilfe-Tipps, Notfallkontakte und Hilfsangebote in den Bundesländern unter www.suizid-praevention.gv.at.

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