„Ohne Zuwanderung wird es nicht möglich sein“

Die Gemeinde Lesachtal kämpft wie viele andere ländliche Gemeinden mit Abwanderung und sinkenden Geburtenzahlen. Wir haben Bürgermeister Johann Windbichler (ÖVP) zu Strategien und Möglichkeiten befragt, wie der gegenwärtigen Schrumpfung entgegengewirkt werden kann, und die Potenziale von Zuzug aus anderen Gesellschaftsschichten und Kulturkreisen diskutiert. Ein Interview.

‚Mehr als Obergail‘: Provokant gefragt: Kann es sein, dass bei jungen, weltoffenen Menschen eher ein Fluchtreflex einsetzt, wenn man kulturell nur auf Heimatverbundenheit und Tradition setzt?

Johann Windbichler: Da ist sicher irgendwas dran. Tradition und auch der Glaube spielen hier eine große Rolle. Gewisse Klischees, die es hier einfach gibt, spielen sicher eine Rolle. Und wenn Leute studieren gehen und in anderen Gesellschaftsschichten mit involviert werden, kommen bei ihnen gewisse Gedanken auf: „Die Spinner dort. Das was ich machen will, geht dort nicht“. Die Enge des Tals spielt da sicher bei der Weltoffenheit eine Rolle. Auch, weil man in dem Tal immer schon unter schwierigsten Bedingungen gelebt hat, ist man bei Veränderungen vorsichtiger geworden.

Ist für ein Tal wie das Lesachtal Zuwanderung aus allen Bevölkerungsgruppen wichtig?

Ja sicher, die größten Probleme, die wir hier haben, sind die Abwanderung und die sinkenden Geburtenzahlen. Wir haben viel zu wenig Kinder. In Maria Luggau wurde seit drei Jahren kein Kind geboren. Wo sollen wir einmal die Leute herbekommen, die die Strukturen aufrechterhalten?  Wir haben heute schon das Problem, dass den Betrieben die Lehrlinge und die Facharbeiter fehlen. Da braucht es Zuwanderung! Ohne Zuwanderung wird es nicht möglich sein, das aufrechtzuhalten.

Glauben Sie, dass eine Familie aus dem Ausland, die ins Lesachtal zieht, gut aufgenommen wird?

Ich seh‘ das von zwei Seiten. Wir erleben zum Beispiel, dass deutsche Familien kommen. Gleicher Sprachraum, Kleidung und Glaubensrichtung. Da bedarf es auch den Willen dieser Familien, sich in unsere gewachsene Gesellschaft zu integrieren. Die kommen und sagen: Jetzt sind wir da und zeigen euch, wie es besser geht!

Im Lesachtal sind ja fast zwei Drittel untereinander verwandt. Die haben ja Jahrhunderte lang untereinander geheiratet. Da sind Strukturen und Netzwerke in alle Richtungen entstanden. Und da hineinzukommen ist schwierig. Es gibt aber auch ganz positive Beispiele, wo die Integration wunderbar funktioniert. So hat etwa eine junge Frau einen Bergbauern geheiratet und heute ist sie eine tolle Bäuerin.

„Wenn er (der Flüchtling, Anm.) dann auch bei der Blasmusik mitspielt, bei der Feuerwehr hilft oder zur Erhaltung unserer Landschaft beiträgt, dann glaub ich, dass er schon akzeptiert wird.“

Und wenn diese Familie aus Syrien kommen würde?

Ich seh‘ es immer von der menschlichen Seite. Die Flüchtlinge gehen ja nicht freiwillig, die müssen gehen. Entweder wegen Krieg oder wegen Trockenheit. Der Islam wird politisch am meisten missbraucht, ist aber auch am anfälligsten für Extremismus. Aber ich sage, wenn jemand in so ein Tal kommt wie bei uns, erwartet man schon, dass er sich auch a bissl integriert. Dass er nicht sagt: man muss das jetzt irgendwie so oder so machen. Wenn er dann auch bei der Blasmusik mitspielt, bei der Feuerwehr hilft oder zur Erhaltung unserer Landschaft beiträgt, dann glaub ich, dass er schon akzeptiert wird.

Wie war das bei 2015, als die Flüchtlingskrise war. Die Gemeinde Gitschtal hat 15 Flüchtlinge aufgenommen, war das bei Ihnen auch ein Thema?

Ja freilich. Es haben sich zum Teil Familien gemeldet, die Flüchtlinge unterbringen wollten. Auch ich als Bürgermeister wurde vom damaligen Innenminister kontaktiert, ob wir Flüchtlinge aufnehmen können. Wir haben unsere Grundbereitschaft bekundet, wenn die Rahmenbedingungen in der Betreuung geschaffen werden.

„Ich kann nicht in einen Bergbauernhof eine Familie aus Syrien reinsetzen ohne irgendwelche Betreuung.“

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie?

Ohne irgendwelche Betreuung kann ich keine Familie aus Syrien in einen Bergbauernhof reinsetzen. Die müssen ein bisschen integriert werden, auch in das gesellschaftliche Leben. Aber die Flüchtlinge haben immer eher zu zentralen Räumen tendiert. Bis Kötschach-Mauthen sind sie gekommen, aber nicht bis in ein so abseitiges Tal.

Was sind die Sorgen und Ängste der Lesachtaler*innen in Bezug auf muslimische Zuwanderung?

Wenn die Kirchenglocken nicht mehr läuten dürfen, wenn der Muezzin runterruft von irgendeinem Turm, dann entstehen diese Probleme. Wenn so Parallelgesellschaften wie in den Städten entstehen.

Das ganze Zuwanderungsthema, gerade im muslimischen Bereich, hat eine gewisse Emotion. Das spüren wir überall. Wir haben ein katholisches Kulturgut. Wir leben in einer christlich, katholisch geprägten Gesellschaft. Es gibt gewisse Ängste, wie zum Beispiel, dass es irgendwann keinen Kirchturm mehr geben wird, sondern eine Moschee. Es werden starke Emotionen geschürt. Wir sind eine über Jahrhunderte geprägte Kultur und sicher sind wir für diese Ängste anfälliger, als ein liberaleres, städtisches Publikum.

Vielen Dank für das Gespräch.

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