Nachts im Tresor

Fragt man nach den Ausgehmöglichkeiten zwischen Kötschach-Mauthen bis Untertilliach, so wird einem ausnahmslos der „Tresor“ empfohlen. Mit der Schließung des Musicpubs* fällt nun ein bedeutender Anlaufpunkt für Jugendliche weg. Max Mutz erklärt die Hintergründe.

Das Gebäude im Herzen St. Lorenzens ist schon seit einer Ewigkeit im Besitz der Familie Salcher. Im ersten Stockwerk betreiben sie ein Gasthaus, in den darüber liegenden Stockwerken eine Pension. Die Räumlichkeiten im Erdgeschoss beherbergen zuerst die örtliche Poststation, dann eine Raiffeisen-Filiale. Als diese aufgelöst wird, ergreift Leo Salcher die Chance und beginnt mit der Gestaltung eines Lokals nach seinen Vorstellungen.

Leo Salcher hat in Graz studiert und ist dort zum leidenschaftlichen Pub-Besucher geworden. Discos haben ihm noch nie zugesagt und bei der Heimkehr denkt er sich: „Mensch, das wär‘ doch was, so ein Pub fürs Lesachtal!“.

Seine Vision: einen Ort fürs Zusammenkommen schaffen und gute Musik spielen. 1996 eröffnet er, gemeinsam mit seinem Vater, den Musicpub Tresor. Seinen Namen verdankt das Lokal einem Stahltresor aus dem Raiffeisen-Bankbetrieb, viel zu massiv um ihn weg zu bewegen.

Außer dem Tresor erinnert heute kaum noch etwas an die ehemalige Bank. Der im Eingangsbereich stehende Tresen und der übrig gebliebene Safe sind die einzigen Hinweise auf die vergangene Nutzung. In den späten 90er Jahren hat Leo viele Veränderungen geschaffen. Stolz zählt er auf: „Schallisolierung, eine Dämmung fürs Licht und eine Entlüftungsanlage hab‘ ich eingebaut.“

Höhenflüge und Talfahrten

Mitte der 90er Jahre in St. Lorenzen: Leo liebt Rockmusik, ist aber auch offen für alles Neue. Für den Musicpub Tresor will er schon immer ganz verschiedene Musikstile, die man so im Lesachtal nicht kennt, welche, wie er sagt, “aber irgendwie da her passen“. Zuerst spielt er Schallplatten, dann CDs und zuletzt MP3s ab. Die Abende sind wild. Leo erinnert sich: „Da kam es schon mal vor, dass wir ‚oben ohne‘ getanzt und mit Sodawasser rumgespritzt haben. Es gab Feuershows am Tresen, bis fast die Decke brannte und einmal sogar eine Stripperin.“

Auch das Zusammenkommen funktioniert gut. Leo lernt seine Frau im Tresor kennen und seine Schwester ihren Mann. Da war das Lokal fast so etwas wie eine Heiratsvermittlung.

Bei der Jugend im Lesachtal war der Musicpub schon immer beliebt, auch als Spielwiese, um Grenzen auszuloten. Lautstärkeregler werden heimlich aufgedreht, es wird randaliert und Bier in die Steckdosen geschüttet, um Stromausfälle zu verursachen. Es ist nicht so, dass alle Abende schlecht waren. Es gab solche und solche, aber wohl fast alle waren extrem: eines Abends hinterlässt ihm jemand einen Scheißhaufen auf dem Parkplatz, mit einem rosaroten Tanga garniert.

„Der tote Vogel hinter der Tür ist schon seit 5 Wochen hier.“

2000er Jahre im Tresor: Nach und nach wird es zu viel für Betreiber Leo. Er übt schon immer Kritik am Niveaulosen, dem Koma- und Kampfsaufen und beschließt Personal einzustellen, statt immer selbst hinterm Tresen zu stehen. Die Strategie scheint zunächst aufzugehen, das Team ist engagiert, die Umsätze stimmen. Mit der Zeit entstehen jedoch Probleme mit den Mitarbeiter*innen: Es wird falsch abgerechnet, das Lokal nicht rechtzeitig geöffnet und die Sperrstunde maßlos überzogen. Eines Morgens entdeckt Leo auf der seit Ewigkeiten offen stehenden Tür der Herrentoilette die Aufschrift: „Der tote Vogel hinter der Tür ist schon seit 5 Wochen hier“. Leo schließt die Toilettentür, beseitigt das tote Tier und merkt, wie ihm das Ganze entglitten ist.

„Mit der Schließung des Tresors fällt meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil des Lesachtales weg“

September 2018: Der Musicpub Tresor schließt. Leo ist klar geworden: Er hält das so nicht mehr aus. Nach 22 Jahren Betrieb wird er nun umbauen und sich nochmal neu aufstellen, um klarere Regeln zu schaffen und ein größeres Publikum ansprechen.

Mario R., Gründer der Facebook-Gruppe „Freunde, denen Musicpub Tresor Lesachtal gefällt“, beschreibt diesen Wendepunkt so:

„Leider gibt es den Tresor in dieser Art, wie wir ihn kannten, nicht mehr. Der Besitzer hat sich entschieden, daraus eine Art Lounge-Bar für seine Hausgäste zu machen. Früher war es jedoch DER Treffpunkt im Lesachtal für Jung und Alt aus der ganzen Welt. Es war immer Treffpunkt der Lesachtaler Jugend. Musik wurde quer durch gespielt. Mit der Schließung des Tresors fällt meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil des Lesachtales weg.“

Wann der Tresor wieder öffnet, ist unklar. Für Leo steht aber fest: Er möchte, dass die Leute wieder auf das Lokal schauen und wünscht sich besonders für die Jungen, dass wieder mehr diskutiert wird. Für die Zukunft des Tresors plant Leo ein Lokal für alle, gute Musik und gediegene Abende. Seine Vorstellung von früheren Sperrstunden und auch älterem Publikum gefällt jedoch nicht allen. Für die Lesachtaler Jugendszene fällt damit ein wichtiger Anlaufpunkt weg.

Die Geschichte ist noch nicht vorbei, er möchte jetzt nur etwas anders machen.

Leos Lieblingssong ist: “I can’t stand losing you” von The Police.


*Musicpub ist eine Wortkreation von Leo Salcher. Sie beschreibt eine Bar mit entspannter Atmosphäre, in der gute Musik gespielt wird.

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