„Man macht weiter und bleibt optimistisch“

Maria hat ihr ganzes Leben der Fortführung des elterlichen Bauernhofes verschrieben. Jedoch möchte keines ihrer Kinder den Betrieb übernehmen. Sie hofft dennoch, dass es irgendwie weitergehen wird. Ein Porträt.

Nach einem kurzen Rundgang durch die kleine Ortschaft Obergail komme ich beim Hof mit der Hausnummer 4 an. Architektonisch fügt es sich hervorragend in das hiesige Ortsbild ein. Auf einer kleinen Tafel neben dem Eingang steht gut leserlich „Haus Strieder“. Ich läute an und mir wird sogleich die Tür von der Besitzerin geöffnet. Maria Strieder, die 61-Jährige gebürtige Obergailerin, bittet mich mit einem freundlichen Lächeln hinein. Die Schuhe soll ich anbehalten, einen Teppich gibt es im Vorraum ja nicht. Sie führt mich in ein aufgeräumtes Zimmer, das aus einem Küchen- und einem Speiseteil besteht. Sowie ich am Esstisch Platz nehme und aus dem Fenster schaue, fällt mir der wunderschöne Ausblick auf die Landschaft auf. Wälder, Wiesen, das Gebirge und einzelne Gebäude, die sich perfekt in das Gelände einzufügen scheinen. Die optimale Szenerie für ein entspanntes Interview mit Kuchen und Saft.

Für Maria ist das eigene Auto ein Ausdruck von Freiheit.

Maria kennt alle Familien in Obergail. Es wird im Dorf eine sehr freundschaftliche Beziehung mit allen Nachbarn gepflegt, erzählt sie. Die Hilfsbereitschaft und das Gemeinschaftsbewusstsein seien hier noch sehr stark ausgeprägt. Wenn etwas kaputt geht, kann man jederzeit die Nachbarn fragen, ob man sich entsprechendes Gerät ausborgen kann. Man könne nach Absprache auch mal mit den Nachbarn im Auto mitfahren. Ein Leben ohne Auto kann sich Maria in Obergail sowieso nicht vorstellen. Das Auto ist im Dorf ein notwendiges Transportmittel, um die täglichen Besorgungen zu tätigen. Die SPAR-Filiale im nahegelegenen Ort Klebas wird mangels Alternativen besonders oft besucht. Für Maria ist das eigene Auto ein Ausdruck von Freiheit. Längere Ausflüge mit dem Auto führen sie meistens nach Kötschach-Mauthen und Lienz, wenn mal Kleidungsstücke, Elektrogeräte oder Werkzeuge gekauft werden müssen. Diese Besorgungen werden dann oft in Form von „Urlaubstagen“ mit ihrem Mann erledigt. Für sie ist das eine Auszeit vom Hofalltag.

Auf die Frage, wie denn bei ihr ein typischer Tagesablauf aussieht, lacht sie. Den typischen Tagesablauf gäbe es bei ihr nicht wirklich. Sie versuche, jeden Tag individuell zu gestalten. Ein paar tägliche Rituale gibt es dann aber doch. So müssen jeden Tag in der Früh die Schafe im Stall gefüttert werden. Die sollen ihr ja noch länger erhalten bleiben. Vor allem wegen der Wolle, die sie immer mal wieder zur Spinnerei bringt, um sie anschließend verkaufen zu können. Früher gab es im Stall auch Kühe, erinnert sie sich. Diese seien später aber durch die pflegeleichteren Schafe ersetzt worden, weil Maria damals noch davon ausgegangen ist, dass der Sohn den landwirtschaftlichen Betrieb übernimmt – und sie wollte ihm dadurch etwas Arbeit ersparen.

„Mein Sohn kennt sich mit so technischen Sachen viel besser aus als ich. Der hat schließlich studiert.“

Nachdem die Tiere versorgt sind, widmet sich Maria meist dem Haushalt. Neben Putzen, Aufräumen und Essen Kochen, müssen bei Bedarf auch die Wohnungen für die Gäste vorbereitet werden. Diese sollen die Zimmer schließlich in einem ordentlichen Zustand vorfinden. Ihre Stammgäste kommen hauptsächlich aus Deutschland. Die Vermietung erfolgt fast ausschließlich über ihre Homepage, die einer ihrer Söhne für sie erstellt hat. „Mein Sohn kennt sich mit so technischen Sachen viel besser aus als ich. Der hat schließlich studiert“, erklärt sie mir.

Maria hat zwei Söhne und eine Tochter. Alle sind bereits erwachsen, alle sind aus Obergail abgewandert und haben sich anderswo eine eigene Existenz geschaffen. Als ich sie genauer nach ihren Kindern befragen möchte, fällt mir ihre veränderte Tonlage auf. Anscheinend bedauert sie es, dass alle fortgegangen und sie und ihr Mann alleine zurückgeblieben sind.

Darauf angesprochen, was aus dem Betrieb einmal werden wird, wenn keines der Kinder ihn übernehmen will, hält Maria kurz inne und muss nachdenken. Das muss für sie ein schwieriges Gesprächsthema sein. Immerhin geht es dabei um den Fortbestand einer Existenz, die sie zusammen mit dem Lebenspartner über viele Jahre hinweg aufgebaut und gepflegt hat. Eines ist für sie ohne Wenn und Aber klar: der Betrieb wird nicht an Fremde übergeben. Dafür verbindet sie zu viel mit diesem Haus. Aber Maria ist und bleibt optimistisch: „Wer weiß, was sich in Zukunft noch alles ergeben wird. Man macht weiter und hofft auf das Beste.“ Eine wie ich finde löbliche Einstellung, die sie ziemlich gut beschreibt.

Heute sagt sie, dass ihr Werdegang schon von Anfang an vorgezeichnet war.

Tatsächlich muss Maria sich schon früh in ihrem Leben ein gewisses Durchhaltevermögen aneignen. Der Vater stirbt als sie erst 1 Jahr alt ist. Zu dieser Zeit gibt es die Ferienwohnungen noch nicht, die werden erst einige Jahre später in einem separaten Haus dazu gebaut. Der Haupterwerb kommt von der Viehhaltung. Die Mutter wird zwar durch den Onkel so gut wie möglich unterstützt, aber für Maria ist schon früh klar, dass die Führung des Hofes irgendwann auf sie übertragen wird. Sie hat als kleines Mädchen anfangs noch den Wunsch, in die Welt hinauszugehen, die Verantwortung gegenüber der Mutter hält sie aber letztlich in Obergail. Als der Onkel, der sie immer dazu gedrängt hat am Hof zu bleiben, stirbt, ist sie die einzige, die der Mutter noch mit der harten Landarbeit hilft. Schließlich übernimmt sie den Hof, den ihre Eltern für sie geschaffen haben. Heute sagt sie, dass ihr Werdegang schon von Anfang an vorgezeichnet war. Aber sie akzeptiert es, weil sie das schätzt, was sie hat.

Knapp 50 Minuten sind vergangen, der Kuchen ist gegessen und der Saft ausgetrunken. Ich breche auf mit dem Wissen, wie viel dieser Hof Maria bedeutet. Ich verabschiede mich und hoffe, dass sich ihr Optimismus auszahlen wird und ihr Hof, ihr Lebenswerk, von fähigen Händen fortgeführt wird.

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