Leben nach dem Sturm: Lesachtaler*innen erzählen

Drei Wochen vor dem Beginn unserer Exkursion sitzen wir ungläubig vor Medienberichten. Unser Ziel, das Lesachtal, ist „von der Außenwelt abgeschnitten“. Wir sehen Bilder von gebrochenen Dämmen, abgedeckten Häusern, umgestürzten Bäumen. Wird es überhaupt eine passierbare Straße geben? Vor Ort erkennen wir jedoch, dass die Bevölkerung einen ganz eigenen Weg gefunden hat, um mit dem schwierigen Thema umzugehen.

„Die letzten drei Wochen waren die schwersten meines Lebens“, sagt Johann Windbichler.  Der Sturm und die damit verbundenen Schäden stellen ihn vor seine bisher größte Herausforderung als Lesachtaler Bürgermeister (ÖVP). Wenn er von der Wucht spricht, mit dem der Sturm das Tal getroffen hat, erzählt er gerne von der Buche in Birnbaum. 500 Jahre überdauerte sie an dieser Stelle, unzählige Generationen zogen an ihr vorbei, suchten Schutz vor Regen und Sonne unter dem dichten Blätterdach. Ende Oktober unterlag sie dem Extremwetter, das über Oberkärnten wütete.

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Wald im Osten des Lesachtals.  Foto:Antonia Schneider / mehralsobergail.at

„Kärntner Katastrophengebiet“, so beschreiben Medien wie die „Wiener Zeitung“ oder das „Gailtal Journal“ das Tal. Die Bundesstraße zwischen St. Lorenzen und Maria Luggau war auf einer Länge von vier Metern abgerutscht. Die Stromversorgung wurde einige Tage unterbrochen, da Fichten auf die Stromleitungen in die Gailschlucht gestürzt waren. Dazu kamen zahlreiche Muren. Speziell die Forstwirtschaft im Tal hat es hart getroffen. Vom Auto aus sehen wir Bäume, die im Wald liegen wie Mikadostäbe.

Windbichler glaubte früher nicht wirklich an den Klimawandel, erklärt er. Davon ist heute nichts mehr zu merken. So warnt er den versammelten Lesachtaler Tourismusverband bei einer Sitzung: „Der Mensch macht mit seiner Gier dadurch das Leben kommender Generationen viel schwieriger“.

„Für die Kinder ist das sogar ein Highlight, wenn man mal bei Kerzenlicht Abend essen muss.“

Was mehrfach von Lesachtaler*innen kritisiert wird, ist, dass die Medien das Ausmaß des Sturms aufgeblasen haben. Speziell den Umstand, dass die einzige Straße eine Zeit lang gesperrt war, hätten zu weit weniger Unbehagen in der Bevölkerung geführt, als Schlagzeilen wie „Lesachtal ist von der Außenwelt abgeschnitten“ erahnen lassen. „Wir kennen das eh aus dem Winter, einige Zeit abgeschnitten zu sein, oder ohne Strom leben zu müssen“ sagt ein junger Lesachtaler aus Liesing. „Für die Kinder ist das sogar ein Highlight, wenn man mal bei Kerzenlicht Abend essen muss,“ lacht sein Tischnachbar. Die Lesachtaler*innen sind vorbereitet: Die meisten Häuser haben Holzöfen, zusätzliche Dieselaggregate und Nahrungsmittelvorräte für mindestens eine Woche.

Besonders wichtig sind die informellen Netzwerke, die besonders in Krisenzeiten zu schnellen und unkomplizierten Lösungen helfen. Das erlebten wir, als wir nach nur einem Tag in Obergail selbst abgeschnitten wurden. Die Brücke zwischen Obergail und Liesing wurde wegen Bauarbeiten tagsüber geschlossen. Nach der anfänglichen Verunsicherung fanden wir eine Lösung: Wir positionieren Autos diesseits und jenseits der Sperre und mit tatkräftiger Unterstützung unserer Gastfamilie Helene & Pepi, die uns hin und her fuhren, konnte die Fortbewegung im Tal fast einschränkungsfrei stattfinden.

Die Stimmung der letzten Woche wird von der Bevölkerung als positiv beschrieben. „Alle haben zusammengehalten und geholfen“, erzählt Windbichler stolz über seine Gemeinde. Insbesondere die Freiwilligen Feuerwehren, vier Stück im Lesachtal, haben maßgeblich unterstützt. Die Ehrenamtlichkeit hat aber auch seine Grenzen. Windbichler erwartet nun Unterstützung von außen. Neben Mitteln aus dem Katastrophenfonds, die von der Bundesregierung zur Verfügung gestellt werden, sammelten auch viele Organisationen, Vereine und Privatpersonen für die Lesachtaler*innen. Dieser Gelder müssen nun so verteilt werden, dass sie wirklich bei den Bedürftigen ankommen und dafür eingesetzt werden, das Tal schnellstmöglich in den Ursprungszustand zurückzuversetzen.

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Umgestürzte Fichten in einem Obergailer Wald.  Foto:Antonia Schneider / mehralsobergail.at

Die Wanderwege sind das große Kapital des Sommertourismus‘ im Lesachtal und wurden schwer beschädigt. Das wird bei einem Spaziergang im Wald sehr deutlich. Bald ist der Weg von umgefallenen Bäumen versperrt, in einem anderen Waldstück ist eine Brücke eingebrochen. Auch die Loipe in Sankt Lorenzen ist in Mitleidenschaft geraten. Bei der Hauptversammlung der Touristiker*innen des Lesachtals wird das hitzig diskutiert. Wie schnell kann man diese Schäden beseitigen? Neben den direkten wirtschaftlichen Schäden macht man sich speziell über den Imageschaden des Lesachtals Sorgen. Wer möchte seinen Urlaub in einem Tal verbringen, das in letzter Zeit nur als Katastrophengebiet medial behandelt wurde?

„Wir sind hier aufgewachsen, wir wissen wie man die entwurzelten Bäume aus dem Wald holt und die Hänge wieder stabilisiert, es wird einige Zeit dauern, aber wir schaffen das.“

Das Lesachtal räumt auf. „Wir wissen was zu tun ist, und das können wir auch,“ erzählt eine junge Obergailerin. Erst vor kurzem habe sie einen kleinen Bagger gekauft und der kommt jetzt richtig zum Einsatz. In Obergail sieht man immer wieder abgerutschte Hänge. „Wir sind hier aufgewachsen, wir wissen wie man die entwurzelten Bäume aus dem Wald holt und die Hänge wieder stabilisiert, es wird einige Zeit dauern, aber wir schaffen das.“

Spricht man heute mit den Bewohner*innen des Lesachtals, merkt man, dass jede und jeder seine persönliche Sturmgeschichte mit sich herumträgt. Die letzten Wochen waren nicht einfach für die Gemeinde, aber ans Aufgeben denkt niemand. Im Lesachtal haben wir alle gelernt, dass Zusammenhalt und eine ordentliche Portion Improvisationstalent einen durch jede Krise bringen.

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Aufräumarbeiten in Obergail.  Foto:Antonia Schneider / mehralsobergail.at

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