Können Dörfer sterben?

Ganz ähnlich wie sich der Mann in „Ein Haus in Spanien“ fragt, ob man Dinge lieben kann, frage ich mich, ob Dörfer sterben können. Eine Meditation.

1. Der namenlose Protagonist in John Maxwell Coetzees Geschichte „Ein Haus in Spanien“ ärgert sich. Was ihn störe, sei der leichtfertige Gebrauch von Sprache. Er hat auch ein Beispiel parat. Freunde des Mannes sagen, sie hätten sich in ein Haus verliebt. Aber wie kann man sich in etwas verlieben, das die Liebe nicht erwidern kann? Geht nicht die Bedeutung von Liebe, von wahrer Liebe verloren, wenn man sein Herz an Dinge verschenkt?

2. Coetzees schmales Büchlein begleitet mich in meinem Rucksack auf einen Fußmarsch durchs verschneite Kärntner Lesachtal. Die hochgelegene Straße ist eng und kurvenreich und durch einen schweren Sturm, der sich vor knapp drei Wochen ereignete, teilweise zerstört. In regelmäßigen Abständen fahren Laster voll Schutt an mir vorbei. Während ich gehe, versinke ich in eine tiefe Meditation über „Ein Haus in Spanien“ und die Verwendung von Sprache und Sprachbildern in der Raumplanung und Architektur.

3. Wie auch viele andere ländliche Gegenden in der Welt, kämpft die Gemeinde Lesachtal, sprich jener obere Abschnitt des Gailtals, der die Ortschaften Maria Luggau, Sankt Lorenzen, Liesing, Birnbaum und Sankt Jakob umfasst, mit der Abwanderung der Bevölkerung. Lebten (laut Statistik Austria) Anfang 2001 noch 1.549 Menschen im Tal, waren es Anfang 2018 nur noch 1.318 Menschen, was einem Bevölkerungsrückgang von 14,9 Prozent entspricht. Sollte irgendwann, in wenigen Jahrzehnten vielleicht, die Einwohnerzahl erst auf 1.000, dann auf 800 Menschen und drunter gefallen sein, wird man womöglich vom Dorfsterben in Lesachtal sprechen – so wie man heute vom Dorfsterben in Pfafflar (Tirol), Speisendorf (Niederösterreich), Murau (Steiermark) oder Unterlaussa (Oberösterreich) spricht, um nur ein paar Orte zu nennen.

4. In ähnlicher Weise wie sich der Mann in „Ein Haus in Spanien“ fragt, ob man Dinge lieben kann, frage ich mich, ob Dörfer sterben können. Natürlich wurden Dörfer von Menschen aufgegeben, verlassen und/oder zerstört, aber heißt das, dass sie gestorben sind? Müssten wir nicht – wenn es das heißt – uns viel stärker als bisher in der raumplanerischen und architektonischen Praxis mit Begriffen wie Endlichkeit, Sterbehilfe, Erlösung, Verlust und Trauer auseinandersetzen?

5. Sollte jemand befürchten, ich wolle hier den Oberlehrer alter Schule spielen, der über den richtigen sprachlichen Ausdruck wacht, der kann beruhigt sein: Sprache und alles, was sich aus ihr ergibt, lebt von überraschenden Verbindungen, Wortneuschöpfungen und Bedeutungsverschiebungen von Wörtern. Zu einer lebendigen Sprache gehört allerdings auch – und das mag für manche Ohren nicht unbedingt neu, inspirierend oder mitreißend klingen –, dass man diesen Veränderungen, Stichwort Liebe, Stichwort Dorfsterben, in ihrem Wirken nachspürt, sie ernsthaft durchdenkt und ausformuliert, gerade auch in den Disziplinen Raumplanung und Architektur, die beide durch Sprache unsere Vorstellungen von der gebauten und gestalteten Umwelt prägen.

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