Ist das Lesachtal Europas naturbelassenstes Tal?

„Willkommen im naturbelassensten Tal Europas”, heißt es auf der Homepage des Lesachtaler Tourismusverbands. Aber stimmt das? Und was bedeutet das für Tourismus und Umwelt? Eine Überlegung.

Ich fahre durch das Lesachtal und sehe Wiesen, Wirtschaftswälder und Bauernhöfe. Es ist eine kleinteilige und gut gepflegte Kulturlandschaft. Keine Wildnis. Das Land im Tal wird schon seit vielen Jahrhunderten bearbeitet. Es wird gemäht, eingezäunt, Holz geschlägert, aufgeforstet, das Gelände geebnet, Böschungen befestigt, und doch wird es das „naturbelassenste Tal Europas“ genannt. Der Titel weckt mein Interesse. Ganz Europa? Und wer vergibt solche Titel überhaupt?

Bei der Internetrecherche wird mir klar, der Ursprung dieser Bezeichnung liegt 27 Jahre zurück. Auf der Stuttgarter Ferienmesse CMT fand damals die Verleihung dieses Titels statt. Eine Urkunde kann mir niemand zeigen. Auf Nachfrage bei der Pressestelle der Stuttgarter Messe erfahre ich, dass die Messe selbst den Titel nicht vergeben hat: „Das muss von Ausstellern oder Verbänden ausgegangen sein“, erklärt Pressesprecher Axel Recht. Die Originalbezeichnung war damals „umweltfreundlichste und naturbelassenste Alpengemeinde Europas“. Das sind beeindruckende Superlative für das Lesachtal.

Von lokalen Touristikern erfahre ich, dass die Auswahl damals von unabhängigen Journalist*innen getroffen wurde, die von der Natürlichkeit des Tales beeindruckt waren. Journalist*innen, keine Biolog*innen oder Umweltexpert*innen. Kritische Stimmen in der Gemeinde bezweifeln, ob diese Auszeichnung jemals wissenschaftlich fundiert oder zumindest kriteriengeleitet getroffen wurde. Das Auswahlverfahren ist heute nicht mehr nachzuvollziehen und trotzdem wirbt das Lesachtal seit Jahrzehnten konsequent mit diesem Slogan.

Im Duden steht unter dem Wort naturbelassen: „in seiner natürlichen Substanz unverändert; in seinem natürlichen Zustand belassen“. Ich denke dabei eher an die wilden Urwälder Rumäniens als an die fast schon ordentliche Landschaft des Lesachtals. Durch die Karpaten streifen Bären und Wölfe. Die möchte man hier in Oberkärnten eigentlich nicht. Wenn diese Tiere den Gemeindebereich durchqueren, verursacht das einen großen Aufschrei der Jäger*innen und Bäuer*innenschaft, die sich Sorgen um ihre Wild- und Tierbestände machen. Man erzählte mir auch von Gästen*innen, die aus Angst vor Wildtieren ihre Zimmerbuchung wieder storniert hatten. Als Reaktion auf Sichtungen fordern diese Gruppen medial immer öfter Abschussfreigaben. Es erweckt bei mir den Eindruck, dass man im Lesachtal zwar Natur möchte, aber nur die ungefährliche, bunte und tourismusverträgliche Natur.

Der Natur zuliebe sollte man die Bewirtschaftung des Tals jedoch nicht aufgeben. Im Studium habe ich gelernt, dass die Gegend sonst in kürzester Zeit vom Wald zurückerobert werden würde und dabei ginge der Reichtum an verschiedenen Lebensräumen, speziell der Wiesen, verloren. Das Lesachtal hat meiner Meinung nach wenig echte Wildnis, wenig Landschaft, deren Entwicklung gänzlich der Natur überlassen ist. Das ist jedoch keine Schwäche. Die Stärke des Lesachtals liegt in seiner Kulturlandschaft und der umweltverträglichen Landwirtschaft.

Im Gespräch mit Lesachtaler*innen erkenne ich, stolzer als auf die „unberührte Natur ihres Tals“ sind sie darauf, die Landschaft so zu nutzen, dass ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Natur gelingt. Meistens zumindest. Die Landwirtschaft ist kleinteilig. Es gibt eine klare Absage an den Bau eines Wasserkraftwerks an der Gail. Der Fluss durchs Lesachtal ist und bleibt unverbaut. Bewusst hält man Abstand zum Massentourismus, die Bettenzahl wird nicht unbegrenzt erweitert und es gibt keinen Skilift. Im Winter geht man stattdessen Langlaufen oder macht Schneeschuhwanderungen.

Der naturnah orientierte Tourismus, der sich daraus ergibt, hat im Lesachtal Erfolg. Der Titel „Das naturbelassenste Tal Europas“ trug maßgeblich dazu bei, schrieb Rainer Schauer bereits 1995 im in der Zeit erschienenen Artikel „Segen der Langsamkeit“. Im Lesachtal wird die Ländlichkeit immer mehr als Chance erkannt. Das ist jedoch mit Naturbelassenheit nicht gleichzusetzen.

Zu behaupten, dass das Lesachtal rein naturbelassen sei, nimmt seinen Bewohner*innen den die Möglichkeit auf Mitgestaltung. Landschaft ist nicht statisch, sie verändert sich durch die Nutzung und wird so vielerorts mehr durch den Menschen als durch die Natur geprägt.  Die Lesachtaler*innen können stolz sein auf die Landschaft, die sie mitgestalten. Jedoch tragen sie dadurch auch eine Verantwortung diese zu schützen und weiterzuentwickeln.

Diskutiere gerne mit mir per Mail!

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