In der ATV-Sendung „Tal sucht Frau“ geht es nicht darum, Single Männern zu helfen.

„In das Tal ohne Frauen soll endlich Liebe einziehen!“, schreibt ATV. Aber nachdem ich mich vor Ort im Lesachtal umgehört habe, zweifle ich daran, dass es dem Privatsender wirklich darum geht. Ein Kommentar. 

Ich schreibe über die Liebe. Die Liebe im Tal, wo man sie sucht und wie man sie findet. Im Vorfeld habe ich alles gesichtet, was das Internet hergibt. Fast nur nackte Zahlen, Statistiken, eine Liste mit den Eheschließungen der letzten Jahre und jede Menge Links zu möglicherweise interessanten Zeitungsartikeln, YouTube-Videos, Facebook-Seiten und -Gruppen.

Vor Ort sollen endlich Menschen, Gesichter, Geschichten und Emotionen dazu kommen. Unterwegs zwischen zwei Interviews nähern wir uns mit unserem kleinen Peugeot einem Bagger und zwei Männern, die jede Menge Holz sägen, stapeln und bewegen. Wir müssen kurz warten, bis der Weg frei ist. Während wir warten und ich von meinen ersten echten Eindrücken vom Land- und Liebesleben erzähle, klopft einer der beiden Männer an das Fahrerfenster. Wir begrüßen uns, stellen uns und unser Projekt kurz vor, schütteln die Hände. Der Mann wünscht viel Erfolg und alles Gute und wir fahren weiter.

Nur am Land kann es möglich sein, dass ich zufällig mitten am Weg von Nirgendwo nach Irgendwo ausgerechnet ihm begegne.

In meinem Kopf rattert es, die Stimme habe ich doch schon gehört. Ist das Robert? Robert aus der ATV-Sendung Tal sucht Frau? Dick eingepackt und mit Mütze hätte ich ihn fast nicht erkannt, aber die Stimme und die Art zu sprechen – unverwechselbar. Wir drehen um. Unbedingt muss ich mit ihm sprechen. Ich steige aus und frage einfach nach: „Kennt ihr die Sendung?“ „Ja, da hab’ ich mitgemacht!“, verkündet Robert – er ist es wirklich – freudig und ich denke mir: Nur am Land kann es möglich sein, dass ich zufällig mitten am Weg von Nirgendwo nach Irgendwo ausgerechnet ihm begegne.

Robert ist 41 Jahre alt und kommt aus Birnbaum im Lesachtal, Kärnten. Seinen Hof hat er schon vor langer Zeit aufgegeben. Er arbeitet – je nach Saison – am Lift oder im Wald. Er liebt die Natur und das Landleben. Aus dem Lesachtal würde er durchaus wegziehen, aber ein Leben in geschlossenen Räumen könne er sich nicht vorstellen, er „muss draußen arbeiten“. Dass er sich noch immer eine Partnerin wünscht und diesbezüglich sehr genaue Vorstellungen vor allem zu ihrer Größe („1,60 bis 1,80“) und ihrem Körperbau („knackig“) hat, erzählt er mir ebenso direkt und offen wie in der TV-Show Tal sucht Frau. Auch betont er heute wie damals, dass er keine Städterin und dezidiert „keine Wienerin“ sucht, die Herkunft sei ihm aber egal – „aus Kärnten, Österreich oder Europa“.

robert
Robert als Kandidat bei Tal sucht Frau. Bild: ATV.

Wahrscheinlich ist es gewollt, dass die selbsternannte „Romantik-Serie“ fast genauso heißt, wie die – meiner Meinung nach fragwürdige, aber ganz sicher bekannte – Dokusoap mit fröhlicher Moderatorin, in der Landwirte (und auch Landwirtinnen) eine/n Partner*in suchen. 2013 ist das Lesachtal in einer ersten Pilotsendung mit zwei Folgen nun als „Tal ohne Frauen“, so die Produktionsbeschreibung, Schauplatz einer inszenierten Balz. Offensichtlich ist der erste Versuch erfolgreich. Fraglich ist allerdings, für wen. Für die Kandidaten oder doch eher für den Privatsender ATV? Im Folgejahr wird jedenfalls eine zweite Staffel mit sechs Folgen produziert.

Die erste Staffel dreht sich um die fünf Lesachtaler Thomas (22), Hans (50), Hansjörg (35), Walter (39) und eben Robert (36). Die Teilnehmer werden kurz vorgestellt. Sodann wird ein Dutzend lediger Frauen zu einem großen Get-together im Gasthaus eingefahren und auf die Kandidaten losgelassen. Nach einem ersten Kennenlernen werden die Favoritinnen zu Dates, zum Kegeln, Kochen, Schwimmen oder Schlittenfahren eingeladen. Am Schluss treffen alle Teilnehmer*innen zu einer gemeinsamen Abschlussrunde erneut im Gasthaus zusammen. „Enttäuschungen, erste Liebesgeständnisse und Revierkämpfe“, so heißt es auf der ATV-Webseite, werden inszeniert.

Ich kann es mir kaum anschauen und werde es sicher auch kein zweites Mal tun.

Viele Szenen sind so eindeutig geskriptet, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Auf ausgefallene Alliterationen (wie diese) wird zwar dankenswerterweise verzichtet, zielsicher werden die Kandidaten aber auf plakative Eigenarten reduziert und dem Publikum präsentiert. Hans sucht eine Köchin, Walter teilt gleich drei brünetten Interessentinnen mit, er suche eine Blondine: „Aber das kann man ja färben“. Robert wird als ewiger Junggeselle dargestellt, der gläubig ist, „aber auch viel Wert auf die weltlichen Gelüste“ legt. Die überdeutliche Zurschaustellung dieser Gelüste zieht sich als unangenehmer roter Faden durch die ganze Sendung. Ich kann es mir kaum anschauen und werde es sicher auch kein zweites Mal tun.

Dabei geht es auch ganz anders. In der ORF-Sendung Liebesg’schichten und Heiratssachen besucht Journalistin Elizabeth T. Spira Alleinstehende oft mit einem tragischen Schicksal und herzergreifenden Lebensgeschichten, die über ihr Format eine Lebenspartnerschaft suchen. Jede/r Kandidat*in bekommt ausreichend Sendezeit, damit deren Persönlichkeit in verschiedenen Facetten gezeigt werden kann. Es werden keine einzelnen Zitate ohne Kontext herausgepickt und als Aufhänger für groteske Szenen verwendet. Es gibt keinen Offtext, die Fragen der Moderatorin sind ebenso zu hören wie die direkte Reaktion der Teilnehmer*innen und eine meist ungekürzte Antwort.

Spira glaubt man eher, dass sie sich der Sache – und nicht der Quote – verpflichtet fühlt.

Der Unterhaltungswert der Sendung liegt nicht in der Zurschaustellung eines Schicksals oder einer wie auch immer gearteten Persönlichkeit, sondern in der Hoffnung darauf und Freude darüber, dass manchmal aussichtslos erscheinende Fälle doch noch eine Chance auf die Liebe erhalten. Kurz: Spira glaubt man eher, dass sie sich der Sache – und nicht der Quote – verpflichtet fühlt. Und auch wenn ich der Aufarbeitung von Schicksalen zu jeglichen Unterhaltungszwecken grundsätzlich kritisch gegenüberstehe, erscheint es mir bei diesem Format so, als sei ein sensibler Umgang mit Menschen und Geschichten gelungen.

Zurück zu Robert und seiner Geschichte. Warum war ausgerechnet er einer von fünf Kandidaten bei Tal sucht Frau? Über die Gemeinde wurden Interessenten für das Format gesucht, Robert meldete sich daraufhin. Mehrmals kam das Fernsehteam zu ihm, an mehreren Tagen wurde bei ihm daheim, in der Gastwirtschaft, im Schwimmbad und draußen in der Natur gedreht. Zuerst nur mit ihm, später mit den Frauen. Ich frage Robert: „Sind die Frauen geblieben?“ Er verneint, leider seien alle wieder abgereist, keine sei im Tal geblieben. Die Sendung und die Dreharbeiten haben ihm trotzdem Spaß gemacht. Er scheint froh über die gewonnenen Erfahrungen, über die unterhaltsame Zeit während der Dreharbeiten. Sein Kollege neben ihm erzählt währenddessen meinen Mitfahrern, ATV habe sich mit der Sendung über Robert lustig gemacht.

Ich bin froh, dass ich ihn, einen optimistischen, lebenslustigen und offenen Menschen getroffen und erfahren habe, dass er positiv auf die Sendung und die Dreharbeiten zurückblickt. Und das, obwohl er seine große Liebe noch immer nicht gefunden hat. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack und ich entscheide mich dazu, die Show und ihre Kandidaten nicht in meiner Geschichte zur Liebe im Lesachtal und am Land zu thematisieren und stattdessen diesen persönlichen Kommentar zu formulieren. Die Sendung ist mittlerweile ausgelaufen – solange bis wieder ein Dorf, ein Tal, ein Ort gesucht und gefunden wird, in dem ein Sender Menschen, aber vor allem sich selbst zu irgendetwas verhelfen will.

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Titelbild: ATV

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