Ich, die Raumplanerin, habe im Lesachtal nach Problemen bei der Mobilität gesucht und eines bei mir gefunden

Ich wollte im Lesachtal mobil sein und die damit verbundenen Probleme erörtern. Vor Ort begegnete ich vielen Menschen und hörte ihnen zu. Die Probleme, die ich erwartete, kamen in keiner einzigen Erzählung vor. In diesen Tagen lernte ich mehr über Mobilität als in meinem ganzen Studium.

Natürlich habe ich meine Anreise akribisch geplant: Seit einiger Zeit schon setze ich mich im Raumplanungsstudium mit Verkehrsthemen auseinander, und weiß, wie schwierig es ist, gerade im ländlichen Raum von A nach B zu kommen – vor allem, wenn man kein Auto hat. Kärnten ist für mich schon abgelegen, das Lesachtal der hinterste Winkel; vielleicht der entfernteste Ort Österreichs, vom Westen her nur über Italien zu erreichen. Darum gleiche ich die Routenvorschläge  aller mir bekannten Navigations- und Routing-Apps miteinander ab und schaffe es im Geiste überraschend einfach ins Lesachtal: Der Zug von Wien fährt weit nach Kärnten rein, es gibt Busverbindungen und für die letzte Etappe zu unserer Unterkunft sogar einen Last-Mile-Service: ein „Bahnhofshuttle“ bringt Gäste in ganz Kärnten von Zug- oder Busstation direkt zur Unterkunft. Easy. Schaff ich.  Dann kam die Mure und riss die Straße weg – die einzige nach Obergail, wenn man wie ich von Lienz kommt.

Die Frage, was das größte Problem in der Mobilität sei, konnte mir niemand beantworten: Sie sehen die Probleme einfach nicht als Problem.

Meine Anreise erwies sich als guter Anlass, um das Thema persönlich zu erfahren. Keiner konnte uns sagen, wie tief wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln ins Tal vorstoßen können würden. In Tassenbach wechseln wir am  Bahnhof, der an Lieblosigkeit nicht zu überbieten war, von der S-Bahn in den Bus. Dieser ist leer, und der Busfahrer nicht sehr zuversichtlich: „Bis Luggau, vielleicht“. Auf der vierzigminütigen Strecke durch Osttirol steigen nur zwei Langläuferinnen zu, die von der Loipe  den halben Kilometer zurück ins Hotel fahren wollen. Ansonsten fährt  der Bus leer durch das Alpenpanorama, und das anscheinend öfters. Gerade in dünn besiedelten Gegenden finden öffentliche Verkehrsangebote meist nicht genug Nachfrage. Auch diese Buslinie ist an die Schulzeiten – und damit an die einzige nennenswerte Nutzer*innengruppe – angepasst. Am Wochenende fährt er nur zwei Mal, im Sommer eigentlich gar nicht.

Obwohl er sich sicher ist, dass es kein Durchkommen geben würde, setzt uns der Busfahrer an der  provisorischen Endstation in Maria Luggau ab und weist uns den Weg, der eigentlich keiner mehr war: „Glei da vorne hört die Straße auf!“ Noch einmal betont er, wie „wahnsinnig Scheißdreck“ das Unwetter und die daraus resultierende Verkehrssituation sei. Ich sah mein Experiment, während unserer Exkursion im Lesachtal mobil zu sein, den Bach runter gehen. Ich sah verwaiste Haltestellen, unerreichbare Nahversorger, ich sah mich festsitzen, ich sah das ganze Lesachtal festsitzen. Auch ohne Unwetter hatte das Lesachtal ein immenses Mobilitätsproblem. Dachte ich .

Mobilität am Land ist eine harte Nuss für die Raumplanung

Den ersten Lesachtalern begegne ich hinter der Straßensperre, wo sie gerade Asphalt auf eine Forststraße walzen, um sie befahrbar zu machen. Man kommt also eh durch, irgendwie. Anders als der Busfahrer sind sie optimistisch, wir kommen gleich ins Gespräch. Auch die vielen anderen Menschen, denen ich in den nächsten Tagen begegne, sind offen und hilfsbereit. Drei Tage lang hörte ich ihnen zu. Die Probleme, die ich erwartete, kamen in keiner einzigen Erzählung vor. In diesen Tagen lernte ich mehr über Mobilität als in meinem ganzen Studium. Ich bin zwar nicht auf die erwarteten Probleme gestoßen, aber das heißt nicht, dass es nicht sehr wohl welche gibt: Die Distanzen sind im ländlichen Raum groß, die Siedlungsdichte gering, die Angebote des öffentlichen Verkehrs oft mangelhaft, Infrastrukturen nicht vorhanden, Frequenzen zu niedrig. Der Ausbau ist selbst in den größeren regionalen Zentren schwierig, und so ist die Abhängigkeit vom eigenen Auto hoch. Vor allem junge Leute, alleinverdienende Frauen und ältere Menschen sind dadurch von „Mobilitätsarmut“ betroffen. Unabhängig mobil zu sein ist teuer.

Erst als der Fahrer Michael uns versichert, dass er der „normale Bus“ sei, schieben wir uns zu den Kindern auf die Rückbank.

Verbesserte oder auf den konkreten Bedarf zugeschnittene Angebote im öffentlichen Verkehr kosten auch den Gemeinden Geld und müssen sich rechnen, also gut angenommen und ausreichend genutzt werden. Die größten Herausforderungen sind eine sinnvolle Taktung, um lange Warte- und Umsteigezeiten zu vermeiden, und die Erreichbarkeit. Wenn es schwieriger ist, überhaupt zu Bus oder Bahn zu kommen, steigt jeder lieber ins Auto. Die Bahnverbindung zwischen Hermagor und Kötschach-Mauthen wurde aus diesem Grund kürzlich eingestellt. Die Zwischenstationen lagen zum Teil bis zu fünf Kilometer von den  Wohnorten entfernt. Ideen, mit dem Dilemma zwischen Angebot und Auslastung umzugehen, gibt es einige. Anrufsammeltaxis gehören wohl zu den bekanntesten Beispielen (halb-) öffentlichen Verkehrs am Land, Bürgerbusse, Mobilitätsvereine, Mitfahrbankerln. Auch Car-Sharing, das man eher aus Großstädten kennt, kann  funktionieren.

Kleine Initiativen von innen statt großer Konzepte von oben

Seit 2017 gibt es in der Region Hermagor gemeinschaftlich geteilte Elektro-Autos, sieben von neun geplanten Standorten sind schon mit Fahrzeugen bestückt. Keiner davon befindet sich im Lesachtal. Die Projektleiterin Daniela Schelch hat mir erklärt, warum nicht – und auch, warum auch das kein unlösbares Problem ist.

Während die anderen Gemeinden im Bezirk Hermagor eine Bevölkerungsdichte von 22-34 Einwohnern*innen/km² (EW/km²) aufweisen, sind es im Lesachtal nicht einmal sieben EW/km². Wie weit die vier Hauptorte voneinander entfernt liegen, erfahre ich bei meinem Versuch, mobil zu sein, am eigenen Leib. Noch verstreuter liegen die Bauernhöfe an den Hängen. Egal, wo im Lesachtal man das Sharing-Fahrzeug stationiert, es hätte nur eine Handvoll Lesachtaler*innen bequem Zugang dazu. Das sind zu wenige, um das Konzept zu tragen. Daniela hat aber schon weiter gedacht – der Lösungsansatz, den sie im Sinn hat, ist so einfach wie genial: Kleine Cluster aus benachbarten Menschen teilen sich ein Fahrzeug, das zugleich Teil des regionalen Fuhrparks ist. Statt des großen Autohauses, das derzeit den Fuhrpark stellt, werden so die Nutzer selbst zu Vermietern. Ob so ein Konzept funktionieren kann, hängt von den Leuten ab; die Initiative müsste „von innen“ kommen.

„Dann hol i man no was zum Essen“, meint der vielleicht 15-Jährige und spaziert wieder davon. Den Rucksack lässt er an der Haltestelle liegen.

Ich möchte wissen, ob sich jemand vorstellen kann, das eigene Auto mit anderen zu teilen, wenn es nicht benötigt wird (was auf die meisten Fahrzeuge die meiste Zeit zutrifft) und suche die Nachbarn unserer Gastgeber am Lahner-Hof  auf, vor deren Stadl ein Elektro-Auto parkt. Das Kennzeichen „COOL 1“ verleitet mich dazu, in einem der Söhne den Besitzer zu vermuten, doch tatsächlich wird das Auto von der ganzen Familie genutzt – so oft wie möglich ersetzt es das „alte Auto“. Bis Lienz und retour reicht der Akku leicht. Das einzige, was „besser sein könnte“ sind die langen Ladezeiten ohne hauseigenen Starkstrom-Anschluss und die unbegreiflich schlechten Scheinwerfer. „Als hätt‘s nur a Kerze vorne drin“, mit der sich die engen, dunklen Kehren nicht weit genug ausleuchten lassen. Bei Kaffee und Keksen unterbreite ich der Mutter die Cluster-Idee. „Jaa…“, sagt sie, und man sieht deutlich, wie sich die Vorstellung durch ihren Kopf arbeitet. Ihrem Mann würde das halt gar nicht gefallen, wenn andere Leute Kratzer reinmachen würden. Aber ja, sagt sie noch einmal, diesmal fester, und ihre Augen funkeln dabei. Als ihr Mann reinkommt, erzählt sie ihm gleich von „meiner guten Idee“. Auch seine Augen funkeln, an die Kratzer scheint er nicht zu denken.

…und wer nicht Autofahren kann?

Die jüngste Tochter vom Lahner-Hof wäre eine von denen, die selbst von dieser guten Idee nichts hätten. Ohne Führerschein bleibt nur der öffentliche Verkehr. Den Weg zur Bundesstraße, wo der Bus stehen bleibt, geht sie jeden Tag. Auch ich mache mich auf den Weg, um mit dem Bus nach Kötschach-Mauthen zu fahren. Schon nach zwei Kehren bekomme ich die böse Vorahnung eines Muskelkaters, der Weg aus Obergail führt weit hinunter zum Bach, dann in zähen Kurven wieder bergauf. Unsere Gastgeberin Helene hatte meinem Kollegen Max und mir klare Instruktionen gegeben, wo wir die Haltestelle finden würden („drüben oben rechts“). Dort warten wir lange. Einem Auto, das uns ortsüblich mitnehmen könnte, begegnen wir in der ganzen Stunde nicht. Fast hätten wir den Bus übersehen, der sich als Transporter-Van voller Schulkinder entpuppt. Erst als der Fahrer Michael uns versichert, dass er der „normale Bus“ sei, schieben wir uns zu den Kindern auf die Rückbank. Auch auf dieser Seite von Maria Luggau deckt der öffentliche Verkehr nur das absolute Minimum – den Schülertransport – ab. Später steigt noch eine ältere Frau zu; nur, weil sie sich verletzt hat und nicht selbst fahren kann. Aber auch das ist eigentlich kein Problem, sofern man sich die Zeit nehmen kann, sich nach dem Busfahrplan zu richten.

In Kötschach-Mauthen erwartet uns der neue Mobilitätsknoten, von dem ich in den regionalen Zeitung en gelesen habe: Das sei der Dreh- und Angelpunkt der Region, der die Mobilität um ein Vielfaches aufwerte, hieß es da. Der Umstieg vom Auto auf umweltverträgliche Verkehrsmittel soll erleichtert werden, der Knoten ist also Umschlagplatz für Züge, Busse, Fahrräder, Autos, unkompliziert und schnell wird das praktischste Fahrzeug gewählt. Ich weiß nicht, ob ich eher verwirrt oder enttäuscht war, als ich aus dem Bus stieg, der kein Bus war, und den Mobilitätsknoten sah, der kein Mobilitätsknoten war. Wie ein Ufo stand eine mittelgroße Bushaltestelle, halb Glas, halb Holz, im Nebel. Die Ödnis dieses Ortes war endzeitlich; die Uhr drüben am verwaisten Bahnhofshäuschen hatte keine Zeiger  mehr. Ein Bursch kam herangeschlendert und fragte Michael, wann er wieder „eini“ fahre. Die digitale Fahrplanauskunft – das Herzstück des Mobilitätsknotens – beachtet er nicht. „Um dreiviertel!“, antwortet der Fahrer. „Dann hol i ma no was zum Essen“, meint der vielleicht 15-Jährige und spaziert wieder davon. Den Rucksack lässt er an der Haltestelle liegen. Die Fahrt zurück nach Sankt Lorenzen würde die letzte an diesem Tag sein, denn auch die Schulen waren schon aus. Und danach? Dann nimmt einen der Bruder nach der Arbeit mit, oder die Freundin bringt einen hinauf ins Tal; irgendjemand wird sich finden.

Da wird dann schnell ein Forstweg asphaltiert, der ist zwar offiziell noch nicht freigegeben, aber man fährt trotzdem schon darauf – „Passts halt auf die Schuhsohlen auf“, kriegt man mit auf den Weg, „der Asphalt is noch recht warm!“

Alles gut im Lesachtal?

Ich dachte, ich müsste hierherkommen, um das größte Problem der Mobilität zu definieren und dann die perfekte Lösung zu implementieren. Ich kenne die Statistiken: zu wenige Zugverbindungen, zu hohe Abhängigkeit vom eigenen Auto. Ich kenne aber nicht die alltägliche Realität der Land- und Talbewohner*innen: Nicht einmal, wenn alles lahm liegt, wenn durch Murenabgänge und Stürme die Straßen nicht mehr befahrbar sind, nicht einmal dann sitzt man hier fest. Da wird dann schnell ein Forstweg asphaltiert, der ist zwar offiziell noch nicht freigegeben, aber man fährt trotzdem schon darauf („passts halt auf die Schuhsohlen auf, der Asphalt is noch recht warm!“). Der Schulbus wird kurzerhand durch kleinere Autos ersetzt, auch Pepi, unser Gastgeber, bietet seine Hilfe an. Man spricht sich ab, man arrangiert sich, aber ohne je zu resignieren. Von Chaos keine Spur. Auch das Teilen ist keine Idee, die ich ins Tal bringen hätte müssen. Mit Autos macht man’s informell, mit Landmaschinen im „Maschinenring“, und Lebensmittel werden unter Nachbarn schon seit Jahrzehnten getauscht. Bei vielen Dingen hilft man sich sowieso gegenseitig aus, vielleicht geht es deshalb bei der Mobilität so verblüffend einfach von der Hand. Während andere Regionen und Gemeinden Projekte zu organisierten Fahrgemeinschaften managen und steuern (versuchen), improvisieren die Lesachtaler*innen. Ein vorgegebenes Regelwerk hätte vielleicht gar nicht denselben Erfolg wie das spontane Aushelfen, das Vorher-kurz-Absprechen, die Solidarität, die tief verankert ist in der Mentalität.

Ein Problem sieht nur, wer zu eng denkt, wer unflexibel und einfallslos ist. So wie ich.

Natürlich gibt es die Probleme, die ich erwartet habe – und in manchen Fällen sind sie sogar schlimmer, als ich erwartet habe. Der Bus ist ein Auto, am Mobilitätsknoten kommt nur vier Mal am Tag ein Bus vorbei, Züge gar nicht. Die guten Rezepte für Mobilitätslösungen, die in anderen Regionen und Gemeinden erfolgreich sind, scheitern hier an allem Möglichen. Und trotzdem: Man ist hier mobil. Ein Problem sieht nur, wer zu eng denkt, wer unflexibel und einfallslos ist. So wie ich. Wo ich wohne, kommt alle drei Minute eine U-Bahn. Ich muss mir nichts überlegen; ich muss die Ideen nicht haben, die einen im Lesachtal vom Fleck bringen. Den Lesachertaler*innen fallen sie scheinbar mühelos ein: nicht nur jetzt, wo die Straße gesperrt ist, sondern auch für die Zukunft. Ich habe die Menschen, die ich getroffen habe, als unglaublich aufgeschlossen und offen empfunden. Die Frage, was das größte Problem in der Mobilität sei, konnte mir niemand beantworten: Sie sehen die Probleme einfach nicht als Problem.

Als ich drei Tage nach meiner Ankunft im Lesachtal am frühen Abend in Sankt Lorenzen den letzten Bus zurück nach Obergail verpasse, bleibt die Panik aus. Eine Zeitlang stehe ich an der Bushaltestelle. Ein vorbeifahrendes Auto verlangsamt, die jungen Leute bleiben ein paar Meter weiter kurz stehen. Vielleicht hätten sie mich mitgenommen. Für mich entsteht in diesem kurzen Moment ein Überangebot an Mobilitätsmöglichkeiten. Ich winke den Wagen weiter, denn ich habe bereits einen Freund angerufen, der gleich da ist, um mich abzuholen. Das macht man hier so, und ich hab’s jetzt auch verstanden.

 


Nachtrag: während ich diesen Text geschrieben habe, kam mir ein Zitat von Nietzsche unter: er vergleicht darin Schafe, Gelehrte und „Alpentalbewohner“ und wie sich ihre Selbstwahrnehmungen auf ihre Lebensqualität auswirken. Der Alpentalbewohner sei dabei der klare Gewinner; „er verstünde, seine Geschichte im positiven Sinne zu deuten“. Das bringt meinen Beitrag auf den Punkt. (Danke an alle, die trotzdem bis hierher gelesen haben.)


Mehr Geschichten von unterwegs gibt’s auf Valentinas Reiseblog.

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