„Freitags ist Musikprobe, deshalb fahre ich freitags heim“

Sebastian Lanner von der Blasmusikgruppe „Olmfätt“ ist in Liesing im Lesachtal verwurzelt, obwohl er dort weder aufgewachsen ist, noch dort wohnt. Ein Porträt.

 

Donnerstag, 17.00 Uhr. Am Telefon ist Sebastian Lanner, der sich aufgrund seines Studiums in Innsbruck befindet. Ursprünglich kommt er aus Grafendorf im Gailtal, aber nach eigener Aussage fühlt er sich in Liesing zu Hause, wo auch viele seiner Verwandten wohnen. Der 23-Jährige ist Mitbegründer, Mitglied und Manager der Lesachtaler Blasmusikgruppe „Olmfätt“. Die elfköpfige Formation, bestehend aus neun Musikanten und zwei Marketenderinnen (= korrekte Bezeichnung der „Schnapsmädchen“), wurde im Jahr 2015 gegründet. Alle Mitglieder sind nebenbei bei der Trachtenkapelle Liesing, einer der vier Musikkapellen in der Gemeinde, dabei. Sebastian ist sogar im Vorstand, und daneben noch Obmann des Jugendvereins. Etwa 10 bis 15 Auftritte stehen bei „Olmfätt“ in der Sommersaison an. Die Gruppe spielt traditionelle Blasmusik – von Egerlandklängen bis zur Österreichischen Marschmusik ist alles dabei. Ihr Repertoire beinhaltet auch zeitgemäße Schlager: „Hast du unser neues Video gesehen, Christzenzia? Muss ich dir sonst schicken!“ sagt Sebastian in einem vielversprechenden Ton. Man versteht schnell: Die Musik ist seine große Leidenschaft.

Damit ist er kein Einzelfall in seiner Heimat. Das Tal hat eine tief verwurzelte Verbindung zur Musik, die weit in die Geschichte zurückreicht. Als der Bischof von Caorle im 15. Jh. zur Kirchenweihe ins Lesachtal kam, haben seine Schriftführer angeblich von begabten Zither- und Harfenspielern berichtet, wie ich in einem Gespräch mitbekommen habe. Lesachtal und Musik, das gehört zusammen wie Pech und Schwefel, wie Marianne und Michael. Die Musik liegt wohl in den Genen der Talbewohner*innen. Die Worte des Bürgermeisters lassen dies zumindest vermuten: „Der Lesachtaler ist kein Wirtschaftler, sondern Musiker.“ Heute sei jede/r Lesachtaler*in bei ein oder zwei Vereinen dabei, meint Sebastian. Es gibt den gemischten Chor, den Kirchenchor, die Feuerwehr, den Jugendverein. Und eben vier Musikkapellen. Und zahlreiche Musikformationen, eine davon: „Olmfätt“.

Auf die Frage, wieso er weggegangen ist, sagt er, es sei eh normal, dass jeder nach der Schule mit 13 oder 14 weggeht. Die Jungen müssen nach Villach in die Schule, oder Hermagor oder Lienz oder Klagenfurt. Das sind alles Orte, für die mehr als zwei Stunden Pendeln pro Tag drauf gehen. Viele Mädels und Burschen müssen für die Ausbildung wegziehen. Sebastian selbst ist nach Villach gezogen und hat die HAK gemacht. Danach sei es irgendwie schleichend gelaufen, und er ist nach Innsbruck gegangen, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. „Das war keine Grundsatzentscheidung ‚Weggehen oder Dableiben‘, sondern eher unbewusst.“

„Die Musik ist ein wesentlicher Grund, dass die Jugend am Tal hängt.“

Ein wesentlicher Faktor, der die Teenager zum Wegziehen drängt, ist nicht nur die räumliche Abgeschiedenheit, sondern wohl auch die Mobilität vor Ort. Mit den Öffis braucht man bis Villach durch das viele Umsteigen etwa drei Stunden, obwohl es nur 100 km entfernt ist. Auch nach Lienz ist es zu weit zum Pendeln. So ergibt sich die Situation, dass die ganzen Jungspunde der Musikkapellen unter der Woche weg sind. Aufgrund dieser Tatsache finden die Musikproben nur am Freitag oder Samstag abends statt. „Freitags ist Musikprobe, und deshalb fahre ich freitags heim“, sagt Sebastian.

So wie ihm geht es wohl vielen seiner Kollegen*innen. Die Musik sei ein wesentlicher Grund, dass die Jugend am Tal hängt, bekräftigt der Bürgermeister. Einen besonderen Stellenwert hat die generationsübergreifende Besetzung über alle Vereine hinweg – sei es bei den Musikkapellen, den Chören, oder eben den kleinen Musikformationen. Bevor Sebastian nach Innsbruck gegangen ist, hat er ein Jahr lang das Konservatorium in Klagenfurt besucht. Seine Bandkollegen haben auch alle eine höhere musikalische Ausbildung. Die sind auch noch in anderen kulturellen Vereinigungen aktiv, wie zum Beispiel dem Stadttheater Klagenfurt.

***

„Wenn das soziale Umfeld wegfällt, wird es die Musik wahrscheinlich auch“

Was ich raushören kann: Es geht beim Vereinsleben nicht nur um die Musik oder die Kultur an sich. Musik machen könnte man überall auf der Welt. Mindestens genauso wichtig dabei ist der soziale Aspekt. Das Zusammenkommen bei den Proben, die Tratschereien beim Biertrinken nach den Proben, das Beisammen mit den Freunden. „Wenn das soziale Umfeld wegfällt, wird es die Musik wahrscheinlich auch“, sagt Sebastian. Soziales Zusammenleben funktioniert gerade im überschaubaren Lesachtal gut: Sebastian kriegt alles mit, was im Dorf und sogar in den Nachbardörfern passiert. „Man kennt eigentlich alle zwischen Obertilliach und St. Jakob.“ Das Weggehen bedeutet für Sebastian keine Einschränkung im gesellschaftlichen Leben. Im Gegenteil: Es hat auch positive Seiten für die Gemeinde. Wenn die Bevölkerung immer nur im Tal bleibt, würde man auch nie eine Ansicht von außen haben, meint der junge Student. Man komme nicht auf neue Ideen, wenn man sich immer nur mit den gleichen Leuten trifft.

Abgesehen von der kulturellen Tradition, über die man sich im Ort wohl wenig Sorgen machen muss, tut die Gemeinde einiges, um die Jugend im Dorf zu halten. Wenn man sich die Bevölkerungsentwicklung anschaut, muss sie das wohl auch. Die Einwohnerzahl lag Anfang des 20. Jahrhundert – für mich überraschend – über der 2.000-Marke. Heute sind es 1.300 Einwohner. Der Trend des Bevölkerungsrückgangs setzt sich auch in den aktuellen Jahren fort.

Tradition alleine kann die Gemeinde also auch nicht vor der Schrumpfung retten. Die Lebensgrundlage muss passen. So unterstützt die Gemeinde seit Neuestem die Jungen beim Wohnungsbau, oder hat in den Glasfaserausbau investiert. Damit wird sie den Anforderungen der heutigen jungen Generation gerecht. Der Bürgermeister meint sogar, so könnten die Jungen von zuhause aus viel fürs Studium machen, oder dann in der Arbeitswelt auch beispielsweise Homeoffice. Auch Sebastian handhabt es zurzeit so mit seinem Nebenjob. Seine Eltern haben eine Werbeagentur in Hermagor, wo er als Grafiker tätig ist. Heutzutage gebe es Jobs, da müsse man nicht immer physisch anwesend sein. „Und über Skype ist natürlich auch viel möglich. Also so ein klares Arbeitsverhältnis, wo man immer eine Sache macht, das gibt’s in zehn Jahren sowieso nicht mehr.“

***

Sebastian macht jetzt erstmal den Bachelor fertig. Wie es dann weitergeht, weiß er nicht genau. Laut ihm könne es schon passieren, dass er – auch unverhofft – gute Jobangebote in irgendeiner Stadt bekommt. „Dann kommt halt die Grundsatzentscheidung: Gehst du wieder heim nach dem Studieren oder bleibst du und machst den Job?“ Grundsätzlich möchte er es ähnlich weiterführen, wie er es bis jetzt handhabt. Nicht allzu weit weg leben, um immer wieder herkommen zu können. Er möchte sich die nächsten Jahre noch die Möglichkeit bewahren, Sachen auszuprobieren. Wenn dann aber Kind und Kegel sein Leben dominieren, sieht die Sache anders aus: „Irgendwann will ich hier sesshaft werden.“

Folge Fabian auf Facebook. Oder schreibe ihm eine Mail.

Werbeanzeigen

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s