Frauen und die Gemeindepolitik

Der Bürgermeister erzählt

Bei einem Besuch in einem Dorf in Oberkärnten erfahren wir, dass die örtliche Politik von 20 männlichen Mitgliedern gemacht wird, aufgeteilt in den Funktionen als Gemeinderäte, Gemeindevorstände und dem Bürgermeister. Wo bleiben die ganzen Frauen, fragen wir uns. In einem Gesprächsabend mit Leuten aus der Gemeinde erfahren wir die Geschichte einer einzigen Frau, die gemeindepolitisch aktiv sein wollte. Der Bürgermeister sagt, er habe sich sehr bemüht Frauen in den Gemeinderat zu bekommen, aber keine bekommen. Der Grund für das generelle Fehlen von Frauen sei, dass „es eine Frau sein muss, welche die Akzeptanz hat und geeignet ist für das Geschäft. Um des Frauenwillens allein ist es zu wenig.“ Wir fragen nach ob die ganze Gemeinde keine Frau hat, deren Akzeptanz in der Gemeindebevölkerung hoch genug ist. Es wirkt so, als müsste eine Frau Attribute haben, die nach einem klassischen Rollenverständnis eher Männern zugeschrieben werden, um Erfolg zu haben. Der Bürgermeister erzählt, es habe eine engagierte Frau gegeben, aber die habe dann auch abgesagt in den Gemeindevorstand zu gehen, bevor das Gruppenfoto erscheinen sollte. Ihr habe das Foto nicht gefallen, „da war sie zu wenig schön drauf, das gefällt ihr nicht, da ist sie nicht attraktiv“. Dann war sie wieder weg. Nachdem der Gesprächsabend beendet ist, treten interne Diskussionen auf. Keiner bei uns kann sich vorstellen, dass Elisa F. nur aufgrund eines Fotos nicht mehr als Gemeindevorstand kandidieren möchte, da muss es eine Vorgeschichte geben. Im Folgenden wurde recherchiert und die betreffende Person konnte ausfindig gemacht werden. Aufgrund der von ihr geschilderten Geschehnisse in dieser Angelegenheit wird beschlossen, zum Schutz und zur Wahrung ihrer Anonymität, die Person nicht namentlich zu nennen, sondern sie als Elisa F. zu bezeichnen.

 

„Nur als Quotenfrau bin ich mir zu schade! Die Energie kann ich in meinem Betrieb besser verwenden; das war auch ein Selbstschutz, ich habe meine Arbeit auf das Ehrenamt verlegt, wo es fruchtet.“

Was Elisa F. dazu sagt

Elisa F., die gewillt war sich in der Politik zu beteiligen, erzählt, dass sie schon früher an Dorfprojekten in der Gemeinde aktiv war und daraufhin auf Bitten entschied, in die Politik einzusteigen. Ihr Ziel war es die ganze Situation und Grundstimmung, die im Dorf und Tal vorherrscht, zu verändern; sie wollte was bewegen. „Es weht ein rauer politischer Wind in diesen Zeiten“ sagt sie, dem muss entgegengetreten werden. Wenn dann aber Stärke bewiesen wird seitens einer Frau, kann es ihr passieren, dass sie bekriegt, persönlich angegriffen und auch beleidigt wird. „Frauen im Amt müssten sich Respekt und Anerkennung zudem viel härter erarbeiten als Männer. Es werde – anders als bei Männern – viel genauer hingeschaut“ meint Maria Skazel, Ortschefin von St. Peter im Sulmtal im StandardInterview. Nach Elisa F.‘s Schilderung geschah ihr gegenüber Ähnliches. Es war eine Gutwillenssache ihrerseits, sich für die Gemeinde zu engagieren die zunichte gemacht wurde. „Es bringt nichts, es ist zu männerdominiert. Nur als Quotenfrau bin ich mir zu schade! Die Energie kann ich in meinem Betrieb besser verwenden; das war auch ein Selbstschutz, ich habe meine Arbeit auf das Ehrenamt verlegt, wo es fruchtet.“ Dass ihr so viele negative Reaktionen und verbale Angriffe aus der Gemeinde entgegen kamen, führte zu ihrem Rückzug aus der Politik. „Nicht, weil mir das Foto nicht gefallen hat, sondern weil ich so viel Gegenwind bekommen habe vom Dorf. Das Foto war nur die Spitze des Eisberges, das hat mit meiner Entscheidung nichts zu tun.“

 

„Es gibt mehr Bürgermeister die Josef mit Vornamen heißen, als es Bürgermeisterinnen gibt.“

 

So sieht die Situation in Gesamtösterreich aus

Ist Elisa F. ein Einzelfall? Ein Studienkollege erzählt von einem ähnlichen Fallbeispiel. Im Bezirk Gmunden im Salzkammergut, saß eine Freundin von ihm im Gemeinderat. Die Frauenquote sei generell nicht so schlecht gewesen, aber alle aktiven Männer sind um die 50 Jahre und älter. Als junge Frau dort teilzuhaben und ernstgenommen zu werden, hat nicht funktioniert. So habe sie nach einem halben Jahr das Amt wieder niedergelegt. Hier war der Generationen- und Interessenunterschied zu groß. Schaut man auf Gesamt-Österreich, so zeigt sich eine eklatante Situation. So gibt es mehr Bürgermeister in Österreich, die Josef mit Vornamen heißen, als es Bürgermeisterinnen gibt, wie Der Standard berichtete. Das muss man sich mal überlegen, das ist doch absurd! Das Verhältnis von Bürgermeistern zu Bürgermeisterinnen weist eine Quote von nur 7,6 % weiblicher Ortschefinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen für das Jahr 2017 auf, was unter genderatlas.at anschaulich visualisiert wurde. Somit stellt Elisa F. keine Ausnahme dar. Das Problem ist, dass sich kaum Frauen im ländlichen Raum in der Politik engagieren. Sie sind im Vergleich zu den Männern überdurchschnittlich hoch gebildet, und können keine Zukunftsperspektiven auf dem Land für sich erkennen. Folglich wandern viele ab und ziehen in die Städte. Diese Frauen wären aber so wichtig im ländlichen Raum, damit dieser von ihrem Know-How als hochqualifizierte Arbeitskräfte profitieren und wachsen kann. Nicht zuletzt kann damit die Nachkommenschaft gesichert werden. Die Bundesanstalt für Bergbauernfragen erklärt, dass „gemeinhin angenommen wurde, dass Frauen ein geringeres Interesse an der Politik haben“ und das Klischee der unpolitischen Frau für zu lange Zeit verwendet wurde, um das Phänomen zu erklären. Einen aussagekräftigen Erklärungsansatz hingegen bietet das sogenannte Magische Dreieck der politischen Beteiligung. Hierbei werden „sozioökonomische und institutionelle Faktoren sowie die politische Kultur eines Landes als Ursachen für diese Situation angeführt.“ Diese stehen jeweils in einer komplexen Beziehung zueinander. Als weitere Argumente wird die Sozialstrukturthese genannt. Diese besagt, dass Frauen viel seltener in ehrenamtlichen und beruflichen Führungspositionen sind und es somit unwahrscheinlicher ist, ein politisches Mandat zu erlangen. Die Diskriminierungsthese hingegen erklärt das Phänomen dadurch, „dass Frauen in Parteien bewusst von wichtigen Ämtern und Mandaten – old-boys-networks – ausgeschlossen werden“. Es ist anzunehmen, dass eine Kombination aller drei Thesen auf den Fall der Elisa F. zutrifft.

 

Der Mann steht in der Verantwortung geeignete Diskursräume zu schaffen, in denen sich Frauen einbringen wollen.

 

Das kann dagegen getan werden

Also wie kann nun die teilweise nur marginal vorhandene politische Repräsentanz von Frauen im ländlichen Raum erhöht werden? Wie können Frauen für Politik am Land motiviert werden? Dazu benötigt es ein starkes Empowerment für die Frauen! Die Bundesanstalt für Bergbauernfragen hat den Anspruch an einer Erhöhung der deskriptiven (standing for) und substanziellen (acting for) Repräsentation der Frauen. Das bedeutet, dass sie sowohl für sich selbst einstehen müssen, als auch andere für sie. Oft wird das Argument geliefert, dass die Wähler*innen bestimmen, wer regiert. Stimmt. Wenn keine Frauen zur Wahl stehen, können sie folglich auch nicht gewählt werden. Deswegen darf Frauen nicht das Gefühl gegeben werden – auch durch einen solchen Fall wie den der Elisa F. – dass sie mit Anfeindungen rechnen können, sobald sie sich engagieren. Es darf nicht behauptet werden, sie hätten nicht genug Akzeptanz in der Gemeinde, dass sie für die Politik nicht geeignet sind aufgrund ihres Wesens. Das erweckt den Anschein, Frauen würden nur aufgenommen und akzeptiert werden, wenn sie jene Eigenschaften aufweisen, die in einem klassischen Rollenverständnis Männern zugesprochen werden, z.B. ein resoluter Auftritt und Durchsetzungsfähigkeit. Auch deshalb steht der Mann in der Verantwortung geeignete Diskursräume zu schaffen, in denen sich Frauen einbringen wollen. Es bedarf einer Änderung auf vielen Ebenen und bei vielen Akteur*innen, damit es gute Chancen gibt der Abwärtsspirale des Bevölkerungsschwundes entgegenzuwirken und das Landsterben zu verhindern. „Die Zukunft des Landes ist weiblich“ skandiert der Masterplan Ländlicher Raum. Mit ihnen hat das Land eine wichtige Chance und diese muss genutzt werden. Das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus empfiehlt diesbezüglich in seinem Masterplan:

  • Die gezielte Förderung von Frauen in der Politik und in regionalen Projekten stärkt die weibliche Zuwanderung bzw. Rückkehr und verbessert die Situation von Frauen und die Innovationskraft.
  • Eine attraktive Infrastruktur, qualifizierte Arbeitsplätze und zeitgemäße Rahmenbedingungen erhöhen für Frauen und junge Familien die Attraktivität ländlicher Regionen.
  • Dass Kindererziehung als gemeinsame Aufgabe der Eltern zu betonen ist und nicht nur der Frauen. Der Ausbau der Kinderbetreuung, u.a. durch neue Betreuungskonzepte, erleichtert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
  • Dass die Ergänzung der Wirtschaftskraft mit den weiblichen Potentialen die Innovationskraft stärkt und neue Arbeitsplätze schafft.
  • Dass zur Vermeidung von Abwanderung aufgrund fehlender höherer Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten neue Wege, insbesondere im Bildungsbereich, notwendig sind. Auch für Berufswiedereinsteiger*innen sind erreichbare Umschulungs- und Weiterbildungsangebote von großer Bedeutung.

 

Fazit

Dies ist nur eine Auflistung allgemeiner Ziele aus einem Masterplan. Mein Appell an die Bürgermeister*innen, die Gemeindevertretungen, die Gemeinderäte und Regionen ist, darüber hinaus zu denken. Jede*r muss genau hinschauen, genau die spezifischen Probleme und Potentiale des Ortes identifizieren. So können angelehnt an die aufgelisteten Empfehlungen eigene Lösungen definiert werden, die über das Allgemeine hinausgehen. Es bedarf noch vieler weiterer Strategieansätze und Ideen zur finalen Lösungsfindung. Diese müssen alsbald gefunden und in die Tat umgesetzt werden. So ein Fall wie jener der Elisa F. berührt, macht wütend und traurig. Es besteht die Gefahr, dass Angst, Frust und resultierende Gleichgültigkeit hervorgerufen werden und deshalb dürfen solche Fälle nicht wieder vorkommen.

Denn jeder von uns, besonders die Männer unter uns, brauchen uns Frauen.

 

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