Mehr als Lehre in Obergail

Eine Universität geht nach Obergail und dann passiert etwas, das ich als gute Lehre bezeichne. Ein Erklärungsversuch aus meiner Perspektive.

Mein Lieblingsplatz in Obergail ist weder drinnen noch draußen. Er ist einer jener Zwischenräume, die so schwer zu fassen sind. Vorne sehe ich die Straße raus aus dem Tal, sehe das Haus vom Bürgermeister, rieche den Stall, höre den Wind. Hinten wärmt mich das Haus. Ich spüre im Rücken das Gewusel, den Arbeitseifer, die Neugierde, höre den Geschirrspüler rauschen, rieche das Abendessen. Ähnlich geht es meinen Gedanken. Sie rasen von drinnen nach draußen, von draußen nach Wien und dann wieder zurück nach Obergail, wo sie vom Großen wieder ins Detail gehen. Die schwarze Druckerpatrone ist leer.

Vor 5 Tagen kamen wir in Obergail an. Vor 7 Wochen habe ich die Studierenden das erste Mal gesehen. Vor 14 Wochen fand sich das Lehrendenteam zusammen. Vor 20 Wochen kritzelte ich die ersten Ideen dazu in mein Notizbuch. Und heute stehe ich vor Hepi’s Haustür, lehne an den geschlichteten Holzscheiten, die bunten Einladungen flattern im Wind und kann es kaum fassen: Etwas ist passiert.

Aber was ist passiert? Eine Idee verwandelt sich in eine Lehrveranstaltung. Eine Lehrveranstaltung in ein Projekt. „Mehr als Obergail“ ist geboren. Und die Studierenden werden gepackt von einer Motivation, die sie Nächte durchmachen lässt. Sie sprechen von erweiterten Horizonten, neuen Sichtweisen und geänderten persönlichen Zukunftsperspektiven. Sie hätten so viel gelernt und ich kaufe ihnen das ab. Wie kann Lehre auf einer Universität gestaltet werden, dass so etwas passiert? Über das und noch viel mehr mache ich mir Gedanken, als eine der Lehrenden im Team. Ein Erklärungsversuch aus meiner Perspektive.

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Über Lehre am Land

Die schwarze Druckerpatrone ist wichtig. Sie passt genau in den Drucker, den ich von zuhause zur Uni getragen habe und den der Tobias und die Claudia im Auto nach Obergail mittransportiert haben. In Spittal an der Drau wurde er in der Nacht extra aus dem Auto geholt, weil die Temperaturen unter Null gefallen sind. Zu groß war die Angst vor einer gefrorenen Druckerelektronik. Die schwarze Druckerpatrone ist wichtig, denn damit drucken wir auf buntem Papier die Einladungen für unseren „Leseabend voller Lesachtaler Geschichten“. Dieser ist der Abschluss unserer Exkursion und gleichzeitig Auftakt vieler Zukunftsgeschichten. Zukunftsgeschichten, die bei den Lesachtaler*innen entstehen, bei den Studierenden und bei allen, die inspiriert wurden durch unsere gesammelten Geschichten.

Die schwarze Druckerpatrone ist wichtig, weil es wichtig ist, dass die Studierenden bei ihren Außeneinsätzen, Interviews, Begehungen, Fahrten, dem Gegenüber etwas in die Hand drücken können mit einer gleichzeitig ausgesprochenen Einladung. Etwas Gedrucktes erzeugt Verbindlichkeit, Ernsthaftigkeit und unterstreicht unsere Absicht:

„Wir sind hier, wir sind vor Ort, wir sind neugierig, wir wollen lernen, wir wollen was machen!“.

Die schwarze Druckerpatrone ist so wichtig, weil wir damit die Texte drucken, die die Studierenden geschrieben haben. Nacheinander setzen sie sich in den großblumig gemusterten Sessel, daneben steht eine Leselampe mit gehäkeltem Lampenschirm. Sie lesen. Die Gäste bekommen die Geschichten vorgelesen, die sie betreffen, geschrieben aus anderen Perspektiven. Und da passiert etwas: Zusammen wird gelacht, gespannt gelauscht, heimlich gegrinst, der Kopf geschüttelt oder es wird gleich protestiert.

Die Geschichten bieten den Stoff dazu. Sie erzeugen Emotionen. Sie erzeugen Betroffenheit. Sie machen Informationen verständlich. Sie behandeln die großen Probleme der Welt im Kleinen. An Beispielen. An Persönlichem.

Geschichten haben eine unglaubliche Macht. Storytelling nennen wir es in der Lehrveranstaltung und beschäftigen uns auch theoretisch damit. Mit Storytelling meinen wir, Geschichten zu finden und zu schreiben, die gleichzeitig Hirn und Herz ansprechen. Damit eine Geschichte funktioniert, braucht es eine Sprache und einen Schreibstil, die verständlich sind. Raumplaner*innen können das nicht immer. In dieser Lehrveranstaltung nehmen wir uns journalistisches Schreiben, Recherchieren, Bauen von Spannungsbögen und viel mehr als Vorbilder. Dieses Wissen um die Macht von Geschichten verknüpfen wir mit Raumplanung.

Wir lernen durchs Tun, durchs Reden und durchs Miteinander.

Bei einer internen Weiterbildung, welche die Konzeption von Lehrveranstaltungen zum Thema hatte, habe ich gelernt, dass es sehr wichtig ist, dass die Studierenden zu Beginn des Semesters von den Lehrenden erfahren, wie sie zu ihrer gewünschten Note kommen. Die Kriterien zur Leistungsbeurteilung müssen stehen. Und die können nur stehen, wenn das Endprodukt klar ist. Das kann beispielsweise eine Prüfung sein, eine Seminararbeit, ein Entwurf, die ausreichende Anwesenheit oder Mitarbeit. „Freut mich, dass ihr euch für diese Lehrveranstaltung interessiert. Ein aufregendes Semester steht vor uns. Was zum Schluss rauskommt, kann ich euch heute nicht sagen“, das waren vielleicht meine ersten Worte an die Studierenden. Mir ist klar, dass das Unsicherheit erzeugen kann. Nicht jede*r kann damit umgehen. Ich versuche anders Sicherheiten zu schaffen.

Meine Prinzipien in der Lehre sind:

  • Transparenz
  • Selbstorganisation / Teamgeist
  • Freude am Tun / Experimentierwille / Flexibilität
  • Lernen / Wissenszuwachs durch Aktionsforschung und durch das Zusammenkommen mit Menschen

Eine Exkursion aufs Land erzeugt Aufmerksamkeit. Eine Exkursion in die Stadt nur manchmal. Ob wir „Ortsgespräch“ waren, traue ich mich nicht zu beurteilen, aber wir sind aufgefallen. 19 Personen ziehen nach Obergail, spazieren die Wege entlang, klopfen an Haustüren, grüßen freudig jede*n, die/der vorbeikommt, stellen Fragen, sind kritisch, geben Konter, telefonieren herum und fotografieren spät Nachts den Sternenhimmel mit Berg.

Die Studierenden sind also „im Feld“ und mittendrin. Sie forschen nicht im stillen Kämmerchen, nein, sie sind draußen und haben eine Wirkung. Dieses Wissen darum verstärkt sich auf der Exkursion. Sie lernen durch das Reden mit den Menschen vor Ort. Sie lernen, wie wichtig gute Fragen sind, Authentizität, selbstbewusstes Auftreten und dass es manchmal hilft, wenn man etwas Persönliches von sich preisgibt, da man auch Persönliches von anderen erfahren will. Abends diskutieren wir dann über Objektivität in der Raumplanung, im Journalismus und in der Forschung.

Die Studierenden verarbeiten das Gesehene, Gehörte und Erlebte zeitnah in Texte und sind dabei nicht allein. Die räumliche Nähe und die Redaktionsrollen füttern den Teamgeist. Es herrscht eine inspirierende, kreative Stimmung – und Chaos. Aber jenes Chaos, das durch Arbeiten entsteht. Aufräumen würde die Stimmung zerstören. Die Studierenden haben sich eingerichtet und den Raum angeeignet. Sie wohnen und arbeiten dort. Luca sagt:

“Wenn man coole, fitte Leute um sich hat, kann man in wenigen Tagen viel erreichen.”

Die Freude am Tun, die Motivation, das Lachen, das Beisammensein, das Erleben von Abenteuern, Erfolgserlebnisse, direktes Feedback und Raum zur Gestaltung sind meiner Meinung nach jene “soften” Faktoren, die so wichtig sind in der universitären Lehre. Damit das entsteht, müssen Studierende die Möglichkeit haben, die Lehrveranstaltung mitzugestalten – auch auf organisatorischer Ebene. Die Lehrenden müssen offen, mutig und flexibel sein, darauf zu reagieren und diesen Willen zur Selbstorganisation der Studierenden zuzulassen. In der Lehre geht es auch um Vertrauen.

Vertrauen kann durch Ehrlichkeit und Transparenz entstehen. Mir ist es wichtig, dass die Studierenden um die Organisationsstruktur der Universität Bescheid wissen. Ich erzähle über meine Anstellung, über meine Projekte, über meine Kolleg*innen. Jeder*m ist klar, wie viel Geld wir von der Uni zugeschossen bekommen und wie viel wir für was ausgeben.

***

“Ich hab den geilsten Job der Welt”, geht mir durch den Kopf, während ich über das Tal blicke. Jeden Tag lerne ich was dazu, als Raumplanerin, als Lehrende, als Mensch. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich auf der Universität den Raum dazu habe und coole, fitte Leute um mich rum.

 

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Zum Formalen der Lehrveranstaltung

Die Exkursion, die uns nach Obergail geführt hat, ist Teil eines Konzeptmoduls. Dafür bekommen die Studierenden 6 Ects. 3 davon für die Exkursion und die anderen 3 für die dazu passende Vorlesungsübung. 1 Ects entspricht laut Definition 25 Echtstunden im Semester. Das Modul trägt den Titel „Geschichten vom Land – Storytelling für die Raumplanung“.

So wurde die Lehrveranstaltung angekündigt: TISS

Unser Fahrplan durch das Semester:

fahrplan1

fahrplan2

 

 

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